Vielleicht sind Sie neu im Thema Nudging am Arbeitsplatz, aber Sie haben es mit großer Wahrscheinlichkeit schon in Ihrem beruflichen oder privaten Alltag erlebt.
Wenn Sie jemals erlebt haben, dass ein Elternteil oder Partner versucht hat, Ihr Verhalten durch kleine Veränderungen – wie das Austauschen der Größe Ihres Tellers (oder Weinglases) – subtil zu beeinflussen, dann herzlichen Glückwunsch: Sie wurden bereits "genudged"!
Auch im Berufsleben sind wir oft Beispielen für Nudging am Arbeitsplatz ausgesetzt, ohne es zu merken. Viele Office-Management-Lösungen können sogar dabei helfen, subtile Nudging-Strategien einzuführen, um Verhalten und Produktivität am Arbeitsplatz zu fördern.
Auch wenn wir beim Thema Nudging oft an negative Kontexte denken, ist das in der Regel nicht der Fall. Die Nudging-Theorie befasst sich damit, wie Nudges positiv am Arbeitsplatz wirken können, und zeigt, dass kleine Veränderungen einen großen Einfluss auf die Unternehmenskultur haben können.
Nudges entstehen nicht zufällig. Ähnlich wie datenbasierte Werbung ist es kein Zufall, dass das Handeln eines Arbeitgebers letztlich Ergebnisse beeinflusst. Für die „Genudgten" sind diese Maßnahmen oft nicht einmal wahrnehmbar, aber sie sind ein effektives Mittel zur Verhaltensänderung.
In diesem Artikel werfen wir einen genaueren Blick auf die Nudging-Theorie und darauf, was einen Nudge am Arbeitsplatz ausmacht. Zudem gehen wir tiefer darauf ein, was Nudges wirksam macht. Abschließend listen wir Beispiele für Nudges am Arbeitsplatz auf, die für Ihr Team funktionieren könnten.
Was ist Nudging?
Stellen Sie sich einen Nudge als einen kleinen Trick für unser Gehirn vor. Ein Nudge ist wie eine unbewusste Erinnerung für unser Gehirn, etwas zu tun – meist, eine Aufgabe auf bestimmte Weise zu erledigen.
Denken Sie an die Schilder, die wir täglich sehen, und wie sie unser Verhalten beeinflussen. Ein Rauchverbotsschild ist eher ein Verbot, aber ein Schild in einer Toilette, das Mitarbeiter zum Händewaschen auffordert, sagt unserem Gehirn ebenfalls, dass wir unsere Hände waschen sollten – auch wenn wir dort gar nicht arbeiten.
Die Nudging-Theorie geht noch einen Schritt weiter. Richard Thaler und Cass Sunstein, Autoren von Improving Decisions About Health, Wealth, and Happiness, haben mit ihrer Arbeit maßgeblich die Grundlage für die Nudging-Theorie geschaffen – über den Einsatz positiver Anstöße zur Verhaltensänderung in unserem Leben.
Ihr bekanntestes Beispiel ist die „Urinal-Fliege“ – ein kleiner Aufkleber im Urinal, der – bitte verzeihen Sie uns – Männern eine Zielscheibe beim Urinieren bot.

Die Maßnahme war subtil – hatte aber große Wirkung! Weniger Spritzer rund ums Urinal bedeuteten sauberere Toiletten und geringere Reinigungskosten, und solche positiven Veränderungen führten insgesamt zu einer angenehmeren Atmosphäre. Richard Thaler wurde später mit dem Nobelpreis für seine Arbeit in der Verhaltenswissenschaft ausgezeichnet.
Auch während der Pandemie gab es viele eindrucksvolle Anwendungen der Nudging-Theorie. Es gab offensichtliche Beispiele, wie etwa Anreize für Impfungen oder Unternehmen, die ihren Mitarbeitenden (finanzielle oder andere) Belohnungen für eine Impfung boten.
Es gab aber auch einfache Nudges, wie Pfeile auf dem Boden von Supermärkten, um den Kundenstrom zu lenken oder an Abstandsregeln zu erinnern.
Ein zentrales Element der Nudging-Theorie – auch als Entscheidungsarchitektur bekannt – ist genau das: die Freiheit der Wahl. Nudging bedeutet nicht das Erzwingen oder Befolgen einer Regel, und es ist auch kein erheblicher Anreiz.
Vielmehr handelt es sich um eine subtile Anregung, bessere Entscheidungen zu treffen. Mitarbeitende werden nie gezwungen, eine Entscheidung zu treffen; sie werden nur in die richtige Richtung geschubst.
Sie möchten wissen, wie Nudging dazu beitragen kann, Entscheidungsfindung in Ihrem Unternehmen zu beeinflussen? Hier sind einige Arten von Nudges, die für Ihr Team hilfreich sein könnten:
Die zehn besten Beispiele für Nudging am Arbeitsplatz
Nehmen Sie die Treppe
Wenn Sie Mitarbeitende dazu ermutigen möchten, öfter Treppen zu nutzen, anstatt sie auf ihre Fitness anzusprechen, machen Sie das Treppensteigen einfach und spannend! Sorgen Sie für eine deutliche Beschilderung der Treppenhäuser und bringen Sie zum Beispiel lustige Schilder oder Hinweise im Treppenhaus an, um positive Verstärkung zu erzielen.
Manche Bürogebäude gehen sogar so weit und bemalen ein Treppenhaus neben einer Rolltreppe mit bunten Farben oder installieren sogar Klaviertasten (denken Sie an den Film ‚Big‘), sodass aktive Mitarbeitende beim Treppensteigen Musik machen können.
Es besteht immer die freie Wahl, Rolltreppe oder Aufzug zu nutzen – aber der Nudge führt dazu, dass die Menschen ein paar zusätzliche Kalorien verbrennen.
Einen Kollegen beglückwünschen

Gerade in Remote-Arbeitsumgebungen gibt es viele Beispiele für digitale Nudges, die in häufig genutzter Software und Apps programmiert werden können.
Ein Beispiel ist eine Plattform namens Assembly, die es Teammitgliedern ermöglicht, sich gegenseitig für großartige Arbeit oder besondere Anstrengungen über die Slack-App offiziell Anerkennung zu geben. Falls nicht Assembly, gibt es auch andere ähnliche Integrationen.
Selbst beim Arbeiten aus dem Homeoffice kann diese Anerkennung gesammelt und gegen Geldgeschenke oder andere greifbare Prämien eingelöst werden. Es gibt zwar keine Strafe, wenn das System nicht genutzt wird, aber diese Anerkennung hebt das beste Verhalten von Personen hervor und kann die Mitarbeiterbindung fördern.
Sieh einen Anführer, sei ein Anführer
Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum Fotos vom Chef im Büro die Mitarbeitenden kaum motivieren? Überlegen Sie, wo eventuelle Vorbehalte der Beschäftigten liegen und wie Sie damit umgehen können.
Starke Vorurteile gegenüber dem Management führen dazu, dass Angestellte das Gefühl bekommen, ständig beobachtet und bewertet zu werden, auch wenn dies gar nicht beabsichtigt ist.
Setzen Sie stattdessen auf positive Bestärkung, indem Sie Bilder berühmter historischer Führungspersönlichkeiten aufhängen – Gandhi, Abraham Lincoln, Winston Churchill usw.
Sie finden sicherlich lokale Beispiele oder Persönlichkeiten, die zu Ihrem Unternehmen passen. Lassen Sie deren Eigenschaften das Verhalten der Menschen beeinflussen und Veränderungen bewirken.
Gesunde Snacks gut sichtbar
Arbeitgeber müssen sensibel damit umgehen, wie Ernährungskommentare bei Mitarbeitenden ankommen. Doch es gibt subtile Hinweise, die Teams zu besseren Entscheidungen anregen.
Wenn in der Kantine sowohl Obst als auch Schokolade direkt nebeneinander auf Augenhöhe stehen, wer würde da freiwillig zuerst zum Obst greifen?!?
Stellen Sie gesunde Snacks wie frisches Obst oder Nüsse gut erreichbar oder auf Augenhöhe im Verkaufsautomaten bereit. Das heißt nicht, dass Sie Chips, Kekse oder Schokolade entfernen müssen – überlegen Sie nur, sie etwas weniger präsent zu platzieren, z.B. etwas aus dem Blickfeld oder nicht direkt in Griffweite.
Ganzheitliche Bewegung fördern
Obwohl viele Unternehmen eine Kultur der Gesundheit fördern möchten, empfiehlt die Nudge-Theorie, die Mitarbeitenden nicht einfach zu Fitness-Challenges zu drängen oder sie für ihre Entscheidungen zu rügen, sondern bessere Anreize zu bieten.
Denken Sie lieber darüber nach, wie Ihre Mitarbeitenden zur Arbeit kommen. Manche müssen mit dem Auto fahren, andere könnten zum Radfahren oder zur Fahrgemeinschaft animiert werden, wenn der Impuls dazu gegeben wird. Überlegen Sie, ob Sie Fahrradständer und Überwachungskameras nahe dem Eingang installieren oder reservierte Premium-Parkplätze für Fahrgemeinschaften anbieten.
Wiederholung einstellen
Workplace Nudging kann so einfach sein wie ein wiederkehrender Termin im digitalen Kalender. Es gibt viele alltägliche Aufgaben – von E-Mails bis hin zum Posten auf den Social-Media-Kanälen des Unternehmens –, die regelmäßig erledigt werden sollten.
Erstellen Sie Kalendereinladungen mit der Option, die Aufgabe in festen Abständen zu wiederholen. Wer täglich um 9 Uhr die E-Mails checken oder dreimal pro Woche einen Beitrag auf Instagram posten soll, bekommt so eine wiederkehrende Erinnerung. Die Uhrzeit kann an einzelnen Tagen flexibel verschoben werden, aber der Reminder sorgt für den nötigen Impuls.
Mobilität fördern

Arbeitgeber wünschen sich gesunde, fitte Teams, möchten dabei aber keine Entscheidungen beschämen. Genau hier hilft die Nudge-Theorie, um Mitarbeitende zu besseren Entscheidungen zu motivieren.
Statt nur Fitness-Wettbewerbe auszurichten, können auch andere Bewegungsimpulse gesetzt werden: Zum Beispiel Stehschreibtische an den Arbeitsplätzen oder der Drucker am anderen Ende des Büros, damit jeder gelegentlich ein paar Schritte macht.
Planen Sie zudem Pausen ein, in denen die Mitarbeitenden spazieren gehen oder sich zumindest dehnen – auch im Homeoffice. Arbeitgeber können Meetings als "Walking Meetings" gestalten, statt alle im stickigen Besprechungsraum zu versammeln – so finden wichtige Gespräche in Bewegung statt.
Mit anderen sozial sein
Keiner von uns ist eine Insel, vor allem nicht im Homeoffice. Überlegen Sie, was Ihr Team verbindet und welche Verhaltensänderungen daraus entstehen können.
Soziale Medien sind für viele von uns der Dreh- und Angelpunkt, doch sie allein erhalten nicht die entscheidenden zwischenmenschlichen Bindungen. Überlegen Sie deshalb, wie Sie Firmenevents und Unternehmungen gestalten.
Probieren Sie Nudging aus, indem Sie bei Veranstaltungen verschiedene Abteilungen mischen oder einen Veranstaltungsort wählen, der Begegnungen begünstigt. Regelmäßige Kalendereinladungen für optionale After-Work-Treffen sorgen dafür, dass sich jede:r willkommen fühlt. Wenn Sie Gruppen aufteilen, stellen Sie an jeden Tisch eine Schale mit Icebreaker-Fragen.
Sie können außerdem Büroflächen-Management-Software nutzen, damit Arbeitnehmer:innen gemeinsame Räume für eigene Events buchen können.
Abschalten
Da Arbeitsplätze zunehmend Wert auf Umweltschutz legen, kann Workplace Nudging nicht nur mehr Bewusstsein für einen verantwortungsvollen Umgang mit Wasser- und Stromverbrauch schaffen, sondern auch zeigen, wie viel wir im Alltag tatsächlich verbrauchen.
Stellen Sie sich vor, Hinweisschilder neben Lichtschaltern und Steckdosen anzubringen, auf denen steht, wie viel Strom Lichter und Geräte verbrauchen, wenn sie nicht genutzt werden. Manche Unternehmen entscheiden sich auch für Hinweisschilder in Waschräumen, die auf das verschwendete Wasser durch unnötige Spülvorgänge oder laufende Wasserhähne (sofern nicht automatisch) aufmerksam machen.
Einer der häufigsten Orte, an denen diese Hinweise in den letzten Jahren in Büros zu finden sind, ist am Wasserspender. Während kleine Pappbecher aus der Mode kommen, findet man an immer mehr Wasserspendern Schilder mit Hinweisen, wie man die Umwelt durch weniger Einweg-Plastikflaschen schützt oder welche Folgen die Flaschenwasserindustrie für den Planeten hat.
Wohin als nächstes nudgen
Es gibt großartige Fallstudien, die die Bedeutung des Nudgings und die Auswirkungen auf die Verhaltensökonomie beleuchten. Die Wahrheit ist, dass einfache Nudges funktionieren, weil sie kleine Erinnerungen an unser Gehirn sind, dass wir das Richtige tun sollten und dass wir vielleicht sogar dafür belohnt werden.
