KI kommt nicht als schrittweise Entwicklung am Arbeitsplatz, sondern als gesellschaftlicher Umbruch, den viele Führungskräfte noch immer kaum ehrlich benennen können. In diesem Gespräch setzt sich David Rice mit Ilana Golan, Gründerin und CEO der Leap Academy, zusammen, um zu beleuchten, was passiert, wenn Fähigkeiten bereits nach ein bis zwei Jahren überholt sind, Organisationen eine deutlich höhere Produktivität erwarten und berufliche Stabilität zur Ausnahme wird.
Gemeinsam arbeiten sie heraus, warum Anpassungsfähigkeit zur wichtigsten beruflichen Kompetenz wird, wie Portfolio-Karrieren eher zur Notwendigkeit als zur Wahl werden könnten und warum die Zukunft jenen gehört, die sich kontinuierlich neu erfinden können. Von der nötigen „Unterbrechung des Musters“, um sich aus Karriereschubladen zu befreien, bis hin zum praktischen 5-5-5-Framework, das bei schnelleren Entscheidungen hilft, wirft diese Episode einen offenen Blick darauf, was nötig ist, um in einer Ära des unaufhörlichen Wandels relevant zu bleiben.
Das lernen Sie
- Warum KI-getriebene Umwälzungen als gesellschaftliche Transformation und weniger als organisatorische Veränderungsinitiativen verstanden werden sollten.
- Wie sich die Halbwertszeit beruflicher Fähigkeiten verkürzt hat – und was das für die Karriereplanung bedeutet.
- Warum Anpassungsfähigkeit, Experimentierfreude und stetige Neuerfindung immer mehr zu Kernkompetenzen der Karriere werden.
- Wie man sich aus beruflichen „Schubladen“ befreit und sich neue Chancen erschließt.
- Was es bedeutet, durch einen Portfolio-Ansatz zur eigenen Wirtschaft zu werden.
- Wie die 5-5-5-Regel hilft, Karriere-Entscheidungslosigkeit zu überwinden und Schwung zu erzeugen.
- Warum Organisationen zunehmend erwarten, dass Mitarbeiter ihre Wirkung vervielfachen – und wie KI diese Erwartung beeinflusst.
Die wichtigsten Erkenntnisse
- Fähigkeiten haben jetzt ein Ablaufdatum
Über Jahrzehnte hinweg konnten Fachkräfte ihre Karriere auf einem stabilen Fähigkeitssatz aufbauen. Heute bleiben viele wissensbasierte Fertigkeiten nur noch ein oder zwei Jahre relevant, bevor sie ein großes Update benötigen. Die Herausforderung besteht nicht nur darin, neue Werkzeuge zu erlernen – sondern darin, zur permanenten Neuerfindung bereit zu sein. - Anpassungsfähigkeit ist erlernbar
Experimentieren ist wichtiger als Perfektion. Klassische Bildung honoriert häufig das richtige Ergebnis, während heutige Karrieren zunehmend das Ausprobieren, schnelles Lernen und Kursanpassungen belohnen. Denken Sie weniger an die „Abschlussprüfung“ und mehr an das „fortlaufende Prototypenbauen“. - Karriere-Labels können zur Begrenzung werden
Organisationen und Einzelne stecken Menschen gern in berufliche Kategorien. Der Ausbruch aus diesen Kategorien erfordert häufig einen gezielten „Musterbruch“ – eine sichtbare Veränderung, die die Außensicht auf Ihre Fähigkeiten verändert und neue Chancen eröffnet. - Bauen Sie Ihre Identität nicht um einen einzelnen Arbeitgeber auf
Lediglich durch einen Jobtitel oder Unternehmenszugehörigkeit wahrgenommen zu werden, birgt Risiken. Ein breiteres berufliches Profil, ein Netzwerk und ein Ruf erleichtern Anpassungen, wenn sich Rahmenbedingungen ändern. - Denken Sie wie Ihre eigene Wirtschaft
Nicht jeder muss Unternehmer werden, aber jeder profitiert davon, seine eigene Expertise zu bündeln, zu kommunizieren und wirtschaftlich zu nutzen. Mehrere Einkommensströme und ein Portfolio-Mindset bieten Handlungsfreiheit, wenn traditionelle Karrierewege unberechenbarer werden. - Schwung bringt Klarheit
Viele Fachleute verharren, weil sie perfekte langfristige Entscheidungen treffen wollen. Das 5-5-5-Framework reduziert den Druck: erst fünf Stunden, dann fünf Tage, dann fünf Wochen. Statt auf Sicherheit zu warten, helfen kleine Experimente, herauszufinden, was sich zu verfolgen lohnt. - Entscheidungsstärke wird zum Wettbewerbsvorteil
Da KI die Umsetzung beschleunigt, ist menschliches Zögern oft der Engpass. Wer Optionen abwägen, rasch handeln und voranschreiten kann, ist besser aufgestellt für die Zukunft – wie immer sie aussieht. - Information gibt es im Überfluss – Transformation ist selten
KI kann viele Aufgaben rund um Informationen automatisieren, vom Lebenslauf-Update bis zur Recherche. Die größere Herausforderung ist es, die eigene Arbeitsweise, den eigenen Wertbeitrag und die eigene Positionierung für künftige Chancen aktiv zu verändern.
Kapitel
- 00:00 — Die KI-Klippe
- 02:03 — Arbeitsplätze, Verdrängung & Anpassung
- 05:04 — Ein gesellschaftlicher Umbruch
- 07:38 — Die Haltbarkeit von Fähigkeiten
- 10:00 — Lernen, sich anzupassen
- 12:14 — Aus Karriereschubladen ausbrechen
- 16:05 — Leap-bereit werden
- 19:09 — Die eigene Wirtschaft
- 23:26 — Karriereentscheidungen neu denken
- 26:24 — Die 5-5-5-Regel
- 33:56 — Die Lücke in der Karriere-Infrastruktur
- 37:09 — Die 10x-Erwartung
- 39:02 — Den eigenen Wert schaffen
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Ilana Golan ist Gründerin und Geschäftsführerin der Leap Academy, einem Unternehmen für Führungskräfteentwicklung, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, Fach- und Führungskräften dabei zu helfen, ihre Karrieren zu beschleunigen und ihre Wirkung zu maximieren. Als ehemalige Ingenieurin und Wirtschaftsexpertin mit Führungserfahrung bei globalen Technologiekonzernen wie Intel und Hewlett-Packard verbindet Ilana praxisnahes Führungskräfte-Know-how mit einer Leidenschaft dafür, Führungstalente zu coachen. Durch ihre Arbeit als Rednerin, Autorin und Strategin für Führungskräfte unterstützt sie Einzelpersonen und Organisationen dabei, Selbstvertrauen aufzubauen, eine starke Führungspersönlichkeit zu entwickeln und ihr volles Führungspotential zu entfalten.
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David Rice: 92 Millionen Arbeitsplätze werden wegfallen. Niemand beim Weltwirtschaftsforum bestreitet diese Zahl. Die Debatte dreht sich um die Gesamtdimension. Sind es 300 Millionen Arbeitsplätze? Oder 600 Millionen? Ilana Golan ist Gründerin und Geschäftsführerin der Leap Academy, und genau um die tatsächlichen Auswirkungen dieses Abgrunds möchte sie heute sprechen.
Es handelt sich nicht um eine schrittweise organisatorische Transformation, sondern um eine gesellschaftliche Klippe, die wir als reines Arbeitsmarktthema behandeln, weil Entscheidungsträger zögern, es ehrlich zu benennen. In der heutigen Folge werde ich mit Ilana diskutieren, was passiert, wenn deine Fähigkeiten eine Haltbarkeit von nur ein bis zwei Jahren haben. Vor dreißig Jahren hast du eine Fähigkeit gelernt und bist damit in Rente gegangen.
Jetzt musst du dich alle paar Monate neu erfinden. Die Karriereleiter brennt, und der Unterschied zwischen denen, die sich anpassen, und denen, die das nicht können, macht die Gefahr aus. CEOs auf dem Weltwirtschaftsforum haben mehrfach täglich zugegeben, dass sie einfach nicht wissen, wie es weitergehen soll. Alle ringen mit derselben Frage: Wie baut man eine Organisation, die mit dem Tempo des Wandels klarkommt?
Doch eine andere Frage ist ebenso wichtig: Wie schaffen wir Menschen, die sich im nötigen Tempo neu erfinden können? In der Reskilling-Debatte geht aktuell viel unter, unter anderem, dass Menschen ihre eigene Wirtschaft werden, Portfolio-Karrieren entwickeln und lernen müssen, sich selbst zu vermarkten.
Derzeit sind Vermittlungsfirmen und Bildungssysteme auf diesen Moment nicht vorbereitet. Die gute Nachricht: Es war nie einfacher, zur eigenen Wirtschaft zu werden. Die schlechte: Organisationen erwarten bereits heute, dass du dich selbst um das Zehnfache steigerst. Heute sprechen wir also über die Halbwertszeit von Fähigkeiten – und warum die ständige Neuerfindung jetzt Pflicht ist, Portfolio-Karrieren und das Werden der eigenen Wirtschaft, die Fünf-Fünf-Fünf-Regel gegen Entscheidungslähmung, und warum Organisationen 10-fache Produktivität erwarten, es dir aber nicht direkt sagen.
Ich bin David Rice. Das ist People Managing People. Wenn du das bisher nur als Umschulungsmoment und nicht als Moment der Neuerfindung gesehen hast, wird dieses Gespräch das für dich verändern. Los geht’s.
Ilana, willkommen in der Sendung.
Ilana Golan: Ach, David, ich freue mich sehr, hier zu sein und alle Zuhörenden zu begrüßen.
David Rice: Hervorragend, hervorragend. Wir freuen uns, dich hier zu haben. Wir haben im Vorfeld bereits ein wenig gesprochen, und ich wollte mit der Tatsache beginnen, dass du für das, was mit KI kommt, das Wort Klippe gewählt hast, richtig? Viele von uns fühlen das, haben das Gefühl, an einen Punkt zu kommen, von dem es kein Zurück mehr gibt – Millionen von Menschen werden sich als Teil dieses Wandels neu erfinden müssen.
Das ist eine viel größere Herausforderung, als viele zugeben wollen. Aber was siehst du, das dich so sicher macht, dass wir auf diesen Punkt zusteuern?
Ilana Golan: Ja, das ist wirklich eine super Frage. Erst einmal: Es gibt kein Zurück, oder? KI ist da, und sie wird bleiben.
Die einzige Frage ist, wie passen wir uns so schnell wie möglich an? Ich komme ja gerade aus Washington D.C. zurück. Beim Weltwirtschaftsforum und der Weltbank zu den IWF-Treffen war eine Zahl unumstritten: Rund 92 Millionen Arbeitsplätze werden verloren gehen. Daran gibt es keinen Zweifel.
Die einzige Debatte war: Sind es danach 300 Millionen oder 600 Millionen Arbeitsplätze? Das Ausmaß ist also sehr klar. Die einzige Frage lautet: Wie passen wir uns an und wie bringen wir alle so schnell wie möglich mit? Denn die Lücken sind es, die die Situation für Menschen gefährlich machen.
Wird nicht angepasst, wird es wirklich riskant. Und ich bin auch hier im Silicon Valley. Ich sehe die Technologie, ich sehe die Entlassungen, ich sehe – direkt hinter meinem Zaun ist die Garage, in der Apple entstanden ist. Ich bin also ganz nah dran an allem, was hier passiert, und es ist beeindruckend.
Wir stehen eindeutig an einer solchen Mega-Klippe. Die einzige Frage ist: Was machen wir daraus? Das ist meine Leidenschaft. Ich will möglichst viele Menschen erreichen und ihnen die Werkzeuge an die Hand geben, nicht nur zu überleben oder zu kämpfen, sondern auf der Klippe zu starten.
David Rice: Ja, es scheint, als würden wir oft in diese organisatorische Transformationsdebatte hineingezogen, was in Bezug auf diesen Podcast natürlich Sinn macht. Aber auch gesellschaftlich betrachten wir es als Unternehmenswandel – das suggeriert jedoch schrittweisen Wandel.
Dabei ist das gar nicht der einzige Weg, wie der Wandel passiert. Wenn du Recht hast, ist die Tragweite viel größer, als die meisten Organisationen auch nur planen – und es wird zum gesamtgesellschaftlichen Thema, was wir im Inneren alle wissen.
Interessant ist, wie zögerlich die Entscheidungsträger sind, es offen so zu benennen.
Ilana Golan: Eigentlich gibt jeder in der Tech- und Wirtschaftswelt bereits zu, dass dies der größte gesellschaftliche Wandel ist, den wir je erlebt haben – in der gesamten Menschheitsgeschichte. Es geschieht jetzt. Die einzige Frage ist: Wie können wir uns menschlich schnell genug anpassen und möglichst viele mitnehmen, damit niemand abgehängt wird?
Wir wissen, es ist ein gesellschaftlicher Wandel. Eines, das mich dabei besonders beeindruckt hat, ist, wie ich beim Weltwirtschaftsforum erlebte, dass ca. 500 CEOs großer Unternehmen immer wieder zugaben, zum ersten Mal mehrfach täglich sagen zu müssen: "Wir wissen es einfach nicht."
Und die Frage ist: Wie schaffen wir eine Organisation, die mit diesem Veränderungstempo bestehen kann? Für mich dreht sich alles darum: Wie schaffen wir die Organisation – aber auch die Menschen, die sich im erforderlichen Tempo ständig neu erfinden? Denn wir müssen uns heute nicht mehr alle paar Jahre, sondern alle paar Monate neu erfinden – das ist für viele unvorstellbar.
David Rice: Ja, es ist verrückt, überhaupt mitzuhalten. Stell dir vor, du nutzt Claude drei Monate nicht und schaltest es dann wieder ein – du würdest denken: "Was kann das jetzt alles?!"
Ilana Golan: David, ich bin mir sicher, dass manche Hörer/innen noch denken, KI sei bloß ein Prompt in ChatGPT.
Deshalb sage ich: Die Lücke ist so schwer aufzuholen mit Agenten, Coding ... Es ist einfach zu viel. Wahnsinn.
David Rice: Ich glaube, der New Yorker oder so hat eine tolle Grafik veröffentlicht: Die ganze Welt mit all den Menschen in kleinen Kästchen ... und darin dann die Menschen, die KI nutzen. Man merkt: Es ist immer noch nur eine kleine Zahl. Wir glauben, KI ist überall, aber sie kommt erst noch. Es gibt diese Reskilling-Debatten schon eine Weile – spätestens seit ChatGPT ...
Na, schon davor. Sie wurden durch ChatGPT aber richtig entfacht. Du denkst aber, dieses Framing ist zu eng. Was fehlt deiner Meinung nach in den Reskilling- und Upskilling-Diskussionen?
Ilana Golan: Seit COVID. Vorher gab es das auch, aber COVID war der Auslöser, über den viele begonnen haben, ihre Karrieren neu zu überdenken – das ist definitiv ein Beschleuniger gewesen. Und seit KI an Fahrt aufgenommen hat, denken viele: "Okay, ich muss mich wohl neu erfinden."
Wie sieht das aus? Da gibt es ein paar spannende Punkte: Wenn man sich zum Beispiel die Halbwertszeit von Fähigkeiten ansieht – früher hielten die eigenen Fähigkeiten 30 oder 40 Jahre. Man ging in Rente und bekam eine schöne Uhr und eine Party.
Heute sind die eigenen Fähigkeiten ein bis zwei Jahre lang wertvoll. Und je näher du an Wissensarbeit bist, desto kürzer sogar. Wer handwerklich arbeitet – z. B. als Klempner, auf Baustellen – hat noch etwas mehr Zeit. Aber es hängt davon ab, welche Fähigkeiten du hast: Du musst dich alle paar Monate neu erfinden. Das muss man lernen.
Zusätzlich: Ja, jeder Mensch wird irgendwann zehn Mal produktiver sein. Doch irgendwann stößt du an eine Decke.
Die Karriereleiter brennt, und ich finde es erstaunlich: Die Menschen werden ihre eigene Wirtschaft. Andererseits war es noch nie so einfach, die eigene Wirtschaft zu sein. Es gibt so viele Möglichkeiten, Einkommen zu erzielen – aber du musst lernen, dich zu verpacken und zu vermarkten und das lernt niemand. Aber dieses Selbstvermarkten, Portfolio-Karrieren aufbauen – das wird jeder brauchen.
Ich glaube, die Karrieren der Zukunft werden völlig anders aussehen als heute.
David Rice: Ja. Mach dir keine Sorgen ums Polieren deines Lebenslaufs oder LinkedIn-Profils – es wird viel mehr als das notwendig werden.
Ilana Golan: Klar, kannst du machen, aber es braucht noch andere Dinge.
David Rice: Mir gefällt, was du sagst: Reskilling suggeriert, es gäbe ein stabiles Ziel, auf das man hinarbeiten kann – aber das gibt es nicht mehr, es ist permanente Bewegung.
Ilana Golan: Und das lernt man nicht in der Schule. Ja.
David Rice: Genau, du lernst nicht einmal eine neue Fähigkeit. Die Fähigkeit zur kontinuierlichen Anpassung und ständigen Neuerfindung wird zur wichtigsten Fähigkeit. Wir sprechen hier oft darüber, ob das lehrbar ist und wie wir dafür vorgehen.
Es ist auf jeden Fall ein riesiger Mindset-Wechsel, und ab einem gewissen Alter, kann ich verstehen, warum das beängstigend wirkt.
Ilana Golan: Ja, es macht Angst.
David Rice: Ja.
Ilana Golan: Aber die gute Nachricht: Es ist ein Muskel, den man trainieren kann. Also, ich möchte niemanden erschrecken. Es braucht einen Lern-, Entlern- und Umlernprozess, ja.
Aber grundsätzlich: Adaptivität heißt, so schnell wie möglich lernen, so schnell wie möglich experimentieren, Entscheidungen treffen, wiederholen. Einfach immer weiter. Das Problem ist, das Bildungssystem bringt uns das Experimentieren nicht bei – du bekommst ein A, B, C..., aber im Experimentieren willst du möglichst oft eine "F" bekommen. In der Schule gilt "F" als Misserfolg, doch beim Experimentieren ist das Gegenteil richtig.
Versuche so viel wie möglich und scheitere oft – dann hast du Erfolg. Es braucht also ein Umlernen, wie wir uns anpassen.
David Rice: Da stimme ich zu. Und auf Organisationsebene stecken wir Menschen nach wie vor in Schubladen: Rollen, Funktionen, Jobfamilien. Das führt dazu, dass wir denken, so eine Gruppierung bietet Sicherheit, die dann auch bei sich ändernden Fähigkeiten innerhalb der Rolle bestehen bleibt, obwohl diese sich ständig verändern. Siehst du dieses Modell bald zusammenbrechen – ist das Teil des "Absturzes", dass diese Schubladen verschwinden?
Ilana Golan: Absolut.
Also, das stimmt. Wir alle stecken uns und andere in Schubladen – du bist Sales, Produkt, Admin ... sich daraus zu befreien heißt, sich selbst neu zu erfinden. Das ist etwas, das wir meist nicht aktiv lernen. Wenn du zum Beispiel auf LinkedIn nur deine Jobbezeichnung änderst, nehmen die anderen dich nicht komplett anders wahr. Du bist dann nur im gleichen Rahmen mit anderem Namen.
David Rice: Cool, neuer Job. Glückwunsch.
Ilana Golan: Genau! Was wir aber festgestellt haben – wir arbeiten mit Leap Academy mit Tausenden Menschen – ist, dass man aus einer solchen Schublade dann herauskommt, wenn man einen sogenannten "Whoa"-Effekt schafft: etwa so, wie wenn du ein Kind jeden Tag siehst und keine Veränderung bemerkst, aber nach einem Jahr plötzlich sehr wohl. Man muss eine Musterunterbrechung im Kopf der Menschen erzeugen, wie sie dich sehen.
Wenn du dich also aus einer Schublade lösen willst – z. B. aus Produkt zu Sales, oder Marketing zu Unternehmertum, oder Coach, Berater, Private Equity usw. – braucht es also einen großen, schnellen Bruch, der andere staunen lässt: "Whoa, damit habe ich jetzt nicht gerechnet!", und dann erhalten sie dich als Option plötzlich für ganz neue Möglichkeiten auf dem Schirm.
Das ist genau das, was wir vermitteln: Wie schaffst du solche Musterunterbrechungen, wie baust du damit eine Muskelkraft auf, um immer wieder neu zu starten? Die Musterunterbrechung ist das Entscheidende. Besonders mit KI ist der Lärm so groß, Durchschnitt ist nichts wert. Und ohne KI ist man überhaupt nicht konkurrenzfähig.
Wie steche ich also hervor? Indem ich mich als völlig eigene Kategorie positioniere. Dann wirst du anders wahrgenommen, kannst Türen öffnen und dich immer wieder neu erfinden. Das ist der entscheidende Unterschied.
David Rice: Ich finde das Konzept der Musterunterbrechung spannend, denke aber auch, dass Organisationen da eine große Rolle spielen – denn die Struktur selbst ist häufig das Hindernis. Unsere Systeme sind noch für Stabilität gebaut. Die Welt wird aber immer fluider und disruptiver.
Wie schafft man solche Momente? Welchen Rat hast du für Menschen, die eine neue Fähigkeit präsentieren möchten?
Ilana Golan: Es kommt darauf an, was du erreichen willst. Aber leichter ist es, den Sprung zu machen, wenn du nicht musst. Das ist meine wichtigste Erkenntnis.
Leider habe ich das selbst erst spät gelernt. Ich stand plötzlich ohne Job, ohne Startup da und wusste nicht mehr, wer Ilana überhaupt ist. Ich hatte nie strategisch über meine Marke oder Identität nachgedacht, und als ich sie verlor, verlor ich Hoffnung und alles.
Mein Rat: Sei immer "Sprung-bereit". Sei strategisch und bewusst, auch wenn du nicht konkret wechselst. Auch innerhalb eines Unternehmens: Wenn du nur aufsteigen willst, einen Beiratssitz, Speakerrolle, Side-Gig, Beratung, Coaching ... Es gibt so viele Optionen. Sei dir bewusst, was du willst, wie du deine Geschichte erzählst, baue ein Netzwerk, öffne Möglichkeiten, mache dich nicht von einem Titel oder Unternehmen abhängig – das ist nicht mehr sicher.
Viele berichten: "Ich habe durchs Leben geschlafen und bin erst jetzt aufgewacht." Ich dachte auch, ich sei wach und fleißig. Die Wahrheit: Ich war nie wirklich strategisch und wartete, dass Chancen einfach auftauchen. Das ist nicht mehr zeitgemäß.
David Rice: Ich mag den Ansatz, sich mehrdimensional zu präsentieren – nicht nur mit einem Titel und einer Firma, sondern als vielschichtige Marke, die ihre Erfolge auf neue Weise zeigt.
Die Technik eröffnet auf diesem Feld riesige Möglichkeiten. Es ist ein Mindset-Wechsel – aber eine Chance. Du hast gesagt: Man muss sich als eigene Wirtschaft begreifen. Das ist ein kompletter Wechsel in der Arbeitswelt. Wie sieht dieses "Ich bin meine eigene Wirtschaft" konkret aus?
Ilana Golan: Ich finde nicht, dass jeder Unternehmer werden muss – Unternehmertum ist schwer. Wer einen festen Job hat, hat es oft leichter. Aber: Die Karriereleiter bietet keine Sicherheit mehr. Wer heute bestehen will, muss sich sicher sein, notfalls auch alleine bestehen zu können. Jeder kann seine Expertise, Fähigkeiten, Kontakte so bündeln, dass sie vermarktet und verkauft werden können.
Das geht als Fractional, Berater, Coach, Speaker, Beirat, Vorstand und viel mehr. Wichtig: Selbstvermarktung. Das ist schwerer, als die Produkte anderer zu verkaufen – und manche tun sich damit ja schon schwer. Aber wir müssen es alle lernen. Nicht nur finanziell von einem Arbeitgeber abhängig sein. Besser jetzt schon ein Nebenportfolio aufbauen, solange die Haupteinnahmen gesichert sind.
Dann ist der Hauptjob quasi Investor für dein zweites Standbein. Du weißt, du kannst vier-, fünf- oder sechsstellige Beträge nebenbei verdienen. Es ist fahrlässig, das nicht zu lehren und nicht diesen Skill zu entwickeln.
David Rice: Wir sprechen also darüber, wie du deinen eigenen Wert designst.
Ilana Golan: Genau. Das ist stark.
David Rice: Für viele ist das beängstigend und motivierend. Aber wie du richtig sagst: Es geht nicht darum, ein ganzes Unternehmen zu betreiben – auch als Freelancer, Contractor, Berater, was auch immer, kannst du auf verschiedenste Weisen dieses Mindset leben. Es ist ein unternehmerisches Denken, das mehr Selbstbestimmung bringt. Sicherheit schwindet vielleicht etwas, du kannst sie aber durch neue Strukturen wieder selbst schaffen.
Ilana Golan: Es bringt Freiheit, David. Wer es zu schätzen lernt, genießt diese Wahlmöglichkeiten: härter arbeiten, Pause machen, Team aufbauen – alles ist optional. Aber ich will niemandem die 4-Stunden-Woche verkaufen. Das ist nicht realistisch – man arbeitet härter als je zuvor.
David Rice: Meine Erfahrung zeigt auch: Das ist der härteste Job, den ich je hatte.
Ilana Golan: Ja.
David Rice: Und du bist meist der schlimmste Chef, den du je hattest.
Ilana Golan: Absolut.
David Rice: Man ist nur sich selbst Rechenschaft schuldig – man muss es einfach tun, niemand schaut einem dabei über die Schulter.
Ilana Golan: Niemand rettet dich.
David Rice: Und Dinge, die man nicht mag, muss man trotzdem machen.
Ilana Golan: Genau. Das gehört dazu. Viele bleiben ewig in Entscheidungsfragen stecken: Was ist der richtige Karriereschritt für die nächsten 10 oder 20 Jahre?
David Rice: Die meisten von uns wissen doch heute nicht, was sie in ein oder zwei Jahren machen. Aber für alle, die noch in diesen Zeitblöcken denken: "Meine Vision für 5 oder 10 Jahre" – würdest du sagen, das ist derzeit gefährlich?
Ilana Golan: Ja! Das war schon lange nicht mehr sinnvoll – niemand kann oder konnte planen für 20 Jahre. Auch früher haben sich die Leute alle paar Jahre neu erfunden – jetzt muss es noch viel schneller gehen, und niemand weiß, was um die nächste Ecke wartet.
Mit meinen Klienten arbeite ich nach der 555-Regel – gerne erkläre ich die. Es ist ein Ansatz, Karriere als Experiment zu betrachten, nicht als für Jahrzehnte festgelegte Entscheidung. Dadurch nimmt man sich den Druck, alles perfekt machen zu müssen, ist bereit zu experimentieren, schafft sich das Gehalt und das Leben, das man wirklich will.
Das führt meist zu einem viel glücklicheren, erfüllteren und authentischeren Leben als je zuvor – darin liegt der größte Vorteil.
David Rice: Historisch betrachtet wurden die wichtigsten Lebensentscheidungen (Partner, Haus, Auto...) als große, langfristige Verantwortung dargestellt. Jetzt kann übermäßige Vorsicht genau hinderlich werden. Es geht weniger ums Recht haben als ums Mitgehen mit dem Wandel.
Ilana Golan: Heute ist Nicht-Entscheiden auch eine Entscheidung – und zwar, steckenzubleiben oder die Relevanz zu verlieren. Das ist gefährlich. Es wird immer leichter, Dinge umzusetzen – KI beschleunigt alles. Die Entscheidungsfähigkeit von uns Menschen ist der Flaschenhals. Wer schnell entscheidet, wird effektiver. Wir müssen heute schneller über uns entscheiden und das Ganze als Experiment betrachten – dann geht es leichter.
David Rice: Du hast die Fünf-Fünf-Fünf-Regel entwickelt, um Geschwindigkeit zu fördern. Kannst du sie uns erklären – und warum Tempo derzeit so wichtig ist?
Ilana Golan: Ob wir schnell genug sind, wissen wir meist nicht – aber Geschwindigkeit ist entscheidend. Als Führungskräfte – und wir werden alle mehr zur eigenen Wirtschaft – sind wir anders geprägt: "Wenn, dann..." Denken: Wenn ich xy schaffe, dann darf ich... Das bringt Führungskräften aber wenig, denn sie müssen auf Hoffnung und Vision entscheiden, die Ergebnisse kommen erst später.
Das Momentum, die Bewegung schafft erst Klarheit! Und jetzt zur 555-Regel: Ich habe viele Startup-Acceleratoren betreut – Google, Singularity University, Carnegie Mellon ... Der radikalste Wandel in der Persönlichkeitsentwicklung passiert dort: Aus "Wantrepreneurs" werden in wenigen Wochen echte CEOs. Das habe ich ins Thema Karriere bzw. Geschäftsaufbau übertragen.
Eine Methode: Die 555-Regel – ein Entscheidungsmodell: 5 Stunden, 5 Tage, 5 Wochen. Wer mehrere Karriereoptionen ins Auge fasst, reduziert erst mal auf maximal fünf. Dann wählt man eine aus – die schnellste oder attraktivste, mit der größten Energie, die mit der eigenen Zone of Genius gut zusammenpasst.
Nun fragt man sich nur noch: Ist es das wert, 5 Stunden nachhaltig zu investieren? Das reicht. Wenn du mehrere Optionen parallel im Kopf hast, kommst du ins Grübeln und blockierst dich. Also: Nur eine wählen, 5 Stunden recherchieren, Gespräche führen, analysieren.
Dann entscheidest du: Sind es 5 volle Tage wert? Falls nein, wunderbar, du hast Zeit gespart und dich nicht ewig festgefahren.
Falls ja: Jetzt fünf Tage intensiver ausprobieren – Storytelling üben, wie würde ich mich positionieren? Klappt das auch im echten Austausch mit Menschen? Noch keine Top-CEOs ansprechen, aber erste Erfahrungen sammeln. Dann: Sind fünf Wochen dafür gerechtfertigt?
Falls ja, baust du nach und nach Marke, probierst dich aus, erkundest Chancen. Auf diese Weise kannst du jederzeit umkehren. Das Momentum bringt Klarheit und Ergebnisse – so kommt man schnell aus der Sackgasse. Gerade Unentschlossenheit ist jetzte am gefährlichsten, sie hält die Leute fest.
David Rice: Mir gefällt daran besonders die Entlastung – man senkt das Risiko und testet in Schritten. Wer noch im alten Job ist, kann das gut parallel ausprobieren, gewinnt Momentum und ist im Ernstfall schon in Bewegung. Viele sehen ja aktuell eine lähmende Dringlichkeit.
Ilana Golan: Richtig. Ich schätze die 555 auch, weil: Erstens – die schlimmste Situation ist oft nicht die misslungene Karriere (die sagt laut "geh weg!"). Es ist die OK-Karriere, die nicht die eigene ist – darin kann man ewig hängen. Und zweitens: Den Ansatz habe ich aus der Venture-Capital-Welt übernommen: Dort müssen Administratoren entscheiden, aus Tausenden Bewerbungen auszuwählen – aber anfangs geht es nur um die Entscheidung für einen Anruf, dann, nach dem Telefonat, ob sie ins Büro eingeladen werden. Das senkt die Einstiegshürde und erleichtert den Entscheidungsprozess.
Das ist mein Engineering-Approach: Schritt für Schritt und geringe Hürde. In so einer Umgebung entsteht mehr Bewegung.
David Rice: Die Idee eines Karriere-Accelerators gibt es eigentlich noch viel zu selten – das ist ein Versagen der Infrastruktur. Die Brücke bricht unter uns zusammen.
Ilana Golan: Dann ist jetzt die Zeit gekommen, oder?
David Rice: Ja. Wenn wir an Personalvermittlung oder Ausbildung denken: Welche Systeme helfen künftig Menschen, Schritt zu halten? Was füllt die Lücke?
Ilana Golan: Ich denke, Leap Academy ist ein solcher Ansatz. Aber eigentlich bringt dir fast jedes KI-Tool mehr als jede Vermittlungsagentur aktuell. Denn: Werden in einem Unternehmen viele entlassen, verschwindet dieser Jobtyp vermutlich branchenweit. Da hilft ein leicht aktualisierter Lebenslauf wenig. Es gibt aber übertragbare Fähigkeiten, und wenn du lernst, dich neu zu verpacken, bist du Gold wert. Ich weiß nicht, ob Vermittler das heute wirklich schon tun. Vermutlich versuchen sie auch, sich selbst neu zu erfinden. Doch KI hilft bei der Neuvermarktung oft wesentlich mehr.
Ganz wichtig: Setze nie alles auf eine Karte! Es ist riskant, sich nicht frühzeitig ein Portfolio aufzubauen. Wir helfen dir gern beim Job – und dann beim Portfolioaufbau, denn sonst wird's schwierig. Und wie du sagst, es braucht mehr Systeme, denn wir sprechen über hunderte Millionen Menschen. Leap Academy und KI allein genügen nicht.
David Rice: Da stimme ich voll zu. Die Werkzeuge können helfen – auch, sich im aktuellen Job neu zu positionieren und Wert zu generieren, um die eigene Rolle zukunftssicher(er) zu machen. Man kauft sich damit etwas Zeit, um vorbereitet zu sein, wenn man wirklich springen muss.
Ilana Golan: Ganz genau, David. Wichtig zu sagen: Die meisten Arbeitgeber erwarten jetzt schon, dass du dich 10-fach steigerst. Sagen tun sie es dir nicht – aber sie erwarten es. Und KI ist das Mittel dazu. Je schneller du lernst, desto besser.
Information allein ist überall verfügbar – relevant ist die Transformation! Wenn du z. B. ein KI-Tool für deinen Lebenslauf brauchst, melde dich – ich schenke es dir. Einfach Jobbeschreibung, Lebenslauf, LinkedIn-Profil eingeben – die KI erledigt den Rest. Prüfe das Endergebnis, aber es funktioniert.
Alles ist jetzt automatisiert – Information ist nicht mehr die Hilfe, sondern die Transformation. Überlege also: Wie kann ich mich 10-fach effizienter machen, mich anders präsentieren, meine Führungskraft stärken, Autorität aufbauen? Wie komme ich in den versteckten Arbeitsmarkt, öffne Türen für neue Jobs, Business Development, Partnerschaften?
Du musst für die Organisation deutlich sichtbar werden, damit sie wirklich an dir festhalten will. Sei strategisch, handle bewusst – auch wenn es nicht klar von außen kommuniziert wird, wird es aber erwartet.
Das ist wirklich entscheidend.
David Rice: Fantastisch. Ilana, vielen Dank, dass du heute mit dabei warst. Es war ein großartiges Gespräch.
Ilana Golan: Danke dir, David. Es hat großen Spaß gemacht.
David Rice: Und an alle Zuhörerinnen und Zuhörer: Denkt daran, euch für unseren Newsletter auf peoplemanagingpeople.com/subscribe anzumelden. Dort gibt’s immer aktuellste Podcasts und Inhalte zu Karrierethemen und Menschenführung – direkt in euer Postfach!
Bis zum nächsten Mal, fangt an, euren eigenen Wert zu schaffen.
