Die meisten Führungskräfte warten auf eine perfekte KI-Strategie. In der Zwischenzeit experimentieren ihre Teams bereits – nur eben nicht offen. Charlene Li spricht mit mir darüber, woran die Einführung von KI in Unternehmen wirklich scheitert – und es ist nicht die Technik. Es sind Angst, Kontrollverlust und fehlende Vorstellungskraft.
Wir beleuchten, warum die Jagd nach dem ROI am eigentlichen Ziel vorbeigeht, wie kulturelle Denkmuster unsere Ängste prägen und was es wirklich braucht, um die KI-Kompetenz im gesamten Team zu stärken – beginnend bei sich selbst. Wenn Sie noch immer im „Pilotmodus“ festhängen, ist dieses Gespräch Ihr Weckruf.
Das lernen Sie
- Warum die meisten Führungskräfte feststecken: Sie sind es gewohnt, die Antworten zu haben – und KI zwingt Sie dazu, einzugestehen, dass Sie nicht alles wissen.
- Der Unterschied zwischen „Wie hoch ist der ROI durch KI?“ und „Welchen neuen Mehrwert kann KI für uns schaffen?“
- Warum Experimentierfreude und KI-Kompetenz die eigentlichen Gegenmittel zum Pilot-Dilemma sind – nicht noch mehr Ausschüsse oder Planungen.
- Die vier Dimensionen von KI-Kompetenz, die jede Führungskraft (und jedes Team) braucht: wissen, was KI leisten kann, ihre Grenzen verstehen, sie gezielt anwenden und andere schulen.
- Wie Sie heimliche „Shadow-KI“-Arbeit durch eine transparente, strategische Einführung von KI ersetzen – und warum das entscheidend ist für Vertrauen, Bindung und Orientierung.
- Ein Praxisbeispiel: eine Vertriebsleitung, die KI nutzt, um in jedem Gespräch präsent zu sein (ohne zusätzliche Meetings).
Das Wichtigste in Kürze
- Beginnen Sie mit Fragen, nicht mit Antworten. Sobald sich KI wie eine Bedrohung Ihrer Expertise anfühlt, ist es Zeit, sich darauf einzulassen. Stellen Sie sich die Fragen: Welche Probleme wollen wir lösen? Welchen Wert wollen wir schaffen?
- Betrachten Sie KI als Hebel, nicht als Checkliste. Es geht nicht darum, 100 Anwendungsfälle zu sammeln. Entscheidend ist, strategische Schwerpunkte mit großem Einfluss zu identifizieren und durchzudenken, wie KI hilft, diese schneller, klüger und ethisch zu erreichen.
- Rufen Sie eine „KI-Amnestie“ aus. Glauben Sie es oder nicht – Ihre Mitarbeitenden nutzen KI schon heimlich. Machen Sie es sichtbar: keine Schuldzuweisung, zeigen Sie uns einfach, womit Sie arbeiten. Nutzen Sie diese Sichtbarkeit, um die passenden Tools und bewährte Praktiken zu etablieren.
- Bauen Sie Kompetenz statt Angst auf. Kompetenz heißt nicht nur, KI zu nutzen – sondern zu wissen, was funktioniert, was nicht, was ethisch vertretbar ist, und dies anderen zu vermitteln. Kompetenz breitet sich schnell aus; Zögern noch schneller.
- Nutzen Sie KI, um Führung skalierbar zu machen. KI ist nicht nur zur Unterstützung bei Routineaufgaben da – sie verschafft Ihnen Einblick in Arbeitsabläufe, zeigt, was Kunden fordern, was das Team belastet und welche Prioritäten wirklich zählen. Das spart nicht nur Zeit, sondern ermöglicht echte Transformation.
Kapitel
- 00:00 – Die Angst, keine Antworten zu haben
- 02:00 – Führungskräfte und die Illusion von Kontrolle
- 04:20 – USA vs. China: Kulturelle Sichtweisen auf KI
- 06:10 – Angst, Isolation und KI-Skepsis
- 08:00 – Shadow-KI und versteckte Nutzung
- 10:15 – Warum Anwendungsfälle keine Strategie sind
- 12:40 – Die 4 Dimensionen der KI-Kompetenz
- 15:00 – Wie eine Vertriebsleitung durch KI umfassende Einblicke gewinnt
- 17:50 – Führungskräfteentwicklung neu denken
- 20:00 – Geschwindigkeit und Fokus als Wettbewerbsvorteil
- 22:30 – Fazit: KI ist eine menschliche Herausforderung
Unser Gast im Gespräch

Charlene Li ist die Gründerin und CEO der Quantum Networks Group, einer führenden Beratungs- und Forschungsfirma, die Organisationen dabei unterstützt, sich in Zeiten von Umbrüchen und digitaler Transformation zu orientieren. Mit über drei Jahrzehnten Erfahrung hat sie Unternehmen von Technologiegiganten wie Adobe bis hin zu Southwest Airlines begleitet – und 49 der Fortune 100 beraten – zu den Themen Strategie, Führung, Kundenerlebnis und Zukunft der Arbeit. Als sechsfach ausgezeichnete Autorin, unter anderem von “The Disruption Mindset”, und weltweit anerkannte Vordenkerin, hilft Charlene Führungskräften dabei, disruptive Veränderungen als Chance zu begreifen, indem sie fundierte Analysen mit wirkungsvollem Storytelling verbindet.
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David Rice: Sie sind den ganzen Tag in Meetings. Ihr Team fragt ständig nach KI, nach der Strategie, und ehrlich gesagt: Sie wissen es selbst nicht so genau. Sie sollen Antworten geben. Deshalb wurden Sie befördert, oder? Aber bei KI versuchen alle, es gleichzeitig herauszufinden. Und die unbequeme Wahrheit ist: Wenn Sie KI nicht selbst aktiv nutzen, hinken Sie bereits hinter den Menschen zurück, die Sie eigentlich führen sollten.
Der heutige Gast im Podcast ist Charlene Li. Sie ist Gründerin der Quantum Networks Group und erklärt uns, warum 83 % der Menschen in China KI als vorteilhaft sehen, während es in den USA nur 39 % sind. Noch wichtiger: Sie zeigt Ihnen, wie Sie aus der "Pilotfalle" herauskommen und tatsächlich KI-Kompetenz in Ihrem Unternehmen aufbauen.
Wir sprechen darüber, warum Ihre Angst vor Kontrollverlust das eigentliche Problem ist – nicht die Technologie, wie man mit Schatten-KI-Nutzung umgeht, die vier Dimensionen der KI-Kompetenz, die jede Führungskraft beherrschen muss, und wie ein Sales-Leader KI nutzt, um in jedem Kundengespräch präsent zu sein, ohne ein einziges Meeting zusätzlich besuchen zu müssen.
Ich bin David Rice. Das ist People Managing People. Und wenn Sie bisher gelähmt waren, was Sie mit KI tun sollen, ist diese Episode Ihr Freifahrtschein, um zu experimentieren. Also los geht's.
Willkommen beim People Managing People Podcast, der Sendung, mit der wir Führungskräfte dabei unterstützen, Arbeit im Zeitalter der KI menschlich zu gestalten. Mein Name ist David Rice und ich bin wie immer Ihr Gastgeber. Heute begrüße ich Charlene Li. Sie ist strategische Beraterin und Gründerin der Quantum Networks Group. Wir sprechen über den aktuellen Stand, wie Führungskräfte KI nutzen und was sich im Bereich Führungskräfteentwicklung im neuen Arbeitszeitalter verändern muss.
Charlene, willkommen.
Charlene Li: Danke für die Einladung.
David Rice: Ja, absolut. Wir haben vorab darüber gesprochen, dass viele Führungskräfte mit KI kämpfen, weil sie sich bedroht fühlen. Sie sind es gewohnt, selbst die Antworten zu haben, richtig? Jeder kommt zu ihnen wegen der Antwort, und durch diesen Wandel entsteht viel Unsicherheit, was gute Führungsqualitäten überhaupt bedeuten.
Führen Sie mich mal durch das, was viele Führungskräfte aktuell erleben.
Charlene Li: Genau. Viele Führungskräfte wurden befördert, weil sie den Job besser konnten als andere und weil sie eben, wie Sie sagten, die Antworten liefern konnten. Bei KI entdecken wir alle gleichzeitig die Möglichkeiten und Herausforderungen, was für Führungskräfte zusätzliche Unsicherheit bedeutet: "Was machen wir nun damit? Wohin gehen wir?" Und oft gibt es eben keine klare Antwort – nur eine ungefähre Richtung. KI verstärkt ohnehin schon Ängste und Unsicherheiten. Wenn dann noch der Anspruch dazukommt, immer alles wissen und beantworten zu müssen, funktioniert das nicht mehr.
Wir müssen weg davon, alle Antworten selbst haben zu müssen, und hin zu der Fähigkeit, großartige Fragen zu stellen, die Menschen in die gewünschte Richtung lenken. Also: Wie wollen Sie KI nutzen, um Wert zu schaffen? Nicht: Wie hoch ist der ROI von KI? Das sind zwei völlig verschiedene Fragen. Und eine Führungskraft muss wissen, worin der Unterschied besteht.
David Rice: Ich bin gerade von einer Konferenz zurück und habe viele Führungskräfte sprechen hören – untereinander und auch mit mir. Für mich ist die größte Fähigkeit für künftige Führung, mit sich im Reinen zu sein: Unsicherheit aushalten und sagen können: "Ich weiß es eigentlich nicht, aber es interessiert mich."
Zu erkennen, wer welche Fähigkeiten und Netzwerke mitbringt, um Herausforderungen zu meistern – da wird Führung künftig gefragt sein, weniger reine Fachexpertise.
Charlene Li: Ganz genau. Gerade mit KI ist es wichtig, dass Führungskräfte ein Umfeld schaffen, in dem experimentiert und gemeinsam gelernt werden kann. Das unterscheidet sich von klassischen Pilotprojekten, die meist in der Pilotfalle enden. Hier geht es darum, selbst KI zu nutzen, auszuprobieren, herauszufinden, was funktioniert und was nicht – und diese Lernkultur zu fördern. Individuelles wie gemeinsames Lernen ist heute für Führungskräfte essenziell.
David Rice: Sie sagten, Amerikaner sind deutlich eher als Menschen in anderen Ländern der Meinung, dass KI schadet. Was steckt Ihrer Meinung nach hinter dieser Angst — wie viel davon liegt an Kultur und am Führungsstil?
Charlene Li: In unserer Gesellschaft und in den meisten westlichen Gesellschaften ist der kulturelle Individualismus stark ausgeprägt. In Ländern wie China, Indonesien, Thailand hingegen herrscht ein kollektives Bewusstsein vor – dort wird KI als starke, positive Kraft gesehen.
Hier in den USA meinen nur 39 %, dass KI mehr nützt als schadet, in China sind es 83 %, also mehr als doppelt so viele. Dort gilt KI als Befähiger für das Kollektiv. In den USA sehen wir KI eher als Bedrohung des individuellen Selbst.
Auch der Führungsnarrativ muss sich wandeln: Sprechen wir darüber, dass KI Jobs vernichtet, oder fokussieren wir auf die Vergrößerung der menschlichen Möglichkeiten durch KI? Beides stimmt – aber welche Seite betonen Sie als Führungsperson, worauf lenken Sie Ihre Teams und Ihr Unternehmen?
David Rice: Es kommt ja darauf an, welche Taten Ihre Worte unterstützen, richtig? Viele reagieren gerade auf negative Schlagzeilen, auf Entlassungswellen. Die Handlungen passen oft nicht zum Anspruch, dass KI uns helfen soll, besser zu werden.
Wie Sie sagen, es ist eine individualistische Gesellschaft – ständig das Gefühl "Das könnte das Ende für mich sein". Viele Menschen fühlen sich ohnehin isoliert. Psychologisch hochspannend, was da gerade geschieht. Angst entsteht oft dort, wo man sich von seiner Community entfremdet fühlt.
Charlene Li: Wir leben auch mit dem Mythos der Kontrolle. Viele glauben, wer führt oder erfolgreich ist, habe Kontrolle. KI zeigt aber: Wer Führung mit Kontrolle verwechselt, hat Führung nicht verstanden. Es geht nicht um Titel, sondern um die Beziehungen und das Vertrauen der Menschen, die einem folgen.
Wer KI als Kontrollverlust sieht, wird von Angst und Unsicherheit getrieben. Wer sie als Enabler begreift, verändert Haltung und Sprache gegenüber KI völlig.
Wenn mir Führungskräfte von Angst vor KI berichten, frage ich immer zuerst: Wie nutzen Sie KI persönlich? Oft tun sie es gar nicht. Fehlen Schulungen, fehlen Erfahrungen mit den tatsächlichen Potenzialen der Tools. Vielleicht hatten sie negative KI-Erlebnisse ("Halluzinationen") und wenden sich deshalb ab. Dabei ist KI-Kompetenz absolute Priorität für Organisationen.
David Rice: Ja, das gilt gerade auch auf Führungsebene.
Mir fällt auf: Viele (z. B. HR-Leitungen) sind geradezu gelähmt, wissen nicht, wo sie anfangen sollen. Und dabei müsste man einfach mal ausprobieren! Besonders in großen Unternehmen ist es sehr schwer, innovativ zu experimentieren – es gibt viele Hürden, wenig Zeit, wenig Freiraum.
Charlene Li: Andererseits untersagen manche Unternehmen die KI-Nutzung komplett. Sie haben vielleicht Microsoft Copilot, aber das ist nur eine abgespeckte KI. Ironischerweise sprachen wir mit einem Tech-Unternehmen, das KI-Agenten in seine Produkte integriert, aber im eigenen Unternehmen dürfen die Mitarbeitenden sie nicht nutzen.
Ich fragte: "Aber Ihr nutzt doch alle irgendwo KI?" – "Klar, wir haben Zweitlaptops, Zweithandys und nutzen Schatten-KI." Ich fragte, ob das der IT bekannt sei – sie haben die Nutzung ja verboten.
Deshalb gibt es häufig einen krassen Unterschied zwischen KI-Kommunikation und tatsächlicher Anwendung. Der bessere Weg ist Offenheit: KI ist kein Hype, sie verschwindet nicht – also sollten wir sie offen und realistisch behandeln.
Der Kopf-in-den-Sand-Ansatz nach dem Motto: "Das wird schon vorbeigehen" oder "Das halte ich ruhig aus, bis zur Rente" ist nicht schlau. Mitarbeitende beobachten, wie Führung Kommunikation und Umgang mit KI prägt. Wenn keine aktive Strategie sichtbar ist, entsteht Unsicherheit: Mein Unternehmen hat keinen Plan – das ist meine Karriere, mein Auskommen! Ich will für ein zukunftsfähiges Unternehmen arbeiten, das KI nicht ignoriert, sondern aktiv nutzt. Es wird also ganz klar zum Thema Mitarbeiterbindung – ohne KI-Fahrplan wird sich jeder selbst etwas zusammenreimen und annehmen, dass nichts passiert.
David Rice: Sie sagen es: Schatten-KI überall. Mitarbeitende lernen und werden immer fähiger im KI-Umgang – aber Sie haben keinerlei Einfluss darauf, was sie lernen und wie. Problematisch ist aus meiner Sicht, dass viele Führungskräfte KI rein unter dem Aspekt Produktivität/Messbarkeit betrachten. Wie schaffen wir es, die Diskussion zu öffnen – hin zu mehr Vorstellungskraft und möglichen Mehrwerten für Menschen, unabhängig davon, ob Sie es steuern oder nicht?
Charlene Li: Führungskräfte sollten aufhören, als erstes nach dem ROI zu fragen. Sie sollten fragen: Welchen (neuen) Wert kann KI schaffen?
Wer nur Prozesse automatisiert, macht womöglich nur einen schlechten Prozess schneller. Was, wenn man mit KI komplett neue Prozesse denken könnte – nicht nur effizienter, sondern auch richtungsweisend und anders? Ein Beispiel aus unserem Buch: Ein Callcenter nutzte KI zunächst, um die Effizienz, Qualität und Fehlerfreiheit der Agenten zu steigern. Den daraus resultierenden Zuwachs an Ressourcen setzten sie ein, um eine lange Liste von Initiativen zur Kundenerfahrung umzusetzen, für die davor nie Zeit war.
Mit den neuen Fähigkeiten und mehr Kapazität konnten sie sogar neue Produkte und Dienstleistungen entwickeln – und das für Kunden, die diese Entwicklungsarbeit selbst nicht leisten konnten. Es entstand also von Anfang an ein dreistufiger Ansatz: Wert schaffen nicht nur als Effizienzgewinn, sondern durch bessere Kundenerlebnisse und echte Business-Innovation.
David Rice: Sie sind nicht ins Personalwesen gegangen, um Stundenzettel nachzujagen oder mit fehlerhafter Lohnabrechnung zu ringen. Wenn Ihre Systeme nicht miteinander sprechen, werden Sie ausgebremst. Intuit QuickBooks Payroll ist Ihre Lösung für Management, die HR, Lohnabrechnung, Zeiterfassung und Finanzen auf einer Plattform vereint.
KI und Automatisierung übernehmen die Schwerstarbeit. Keine Datensilos, keine steilen Lernkurven. QuickBooks Payroll hilft Ihnen, das Chaos zu reduzieren und sich auf das Wesentliche zu konzentrieren: Mensch sein. Bessere Systeme bedeuten besseres Personalmanagement und bessere Arbeitsplätze. Erfahren Sie mehr auf quickbooks.com/payroll. Das ist quickbooks.com/payroll.
Wert sieht ja, je nach Bereich, sehr unterschiedlich aus. Interessant finde ich das Konzept: vom T-förmigen zum kammförmigen Profi, also breiteres Können und mehr Wert beitragen können, statt nur in einem Bereich spezialisiert zu sein.
Denn: KI für Marketing sieht ganz anders aus als für HR. Es ist spannend zu beobachten, wie sich die Menschen weiterentwickeln.
Charlene Li: Das größte Problem: Unternehmen haben oft eine lange Liste von Use Cases – Hunderte Anwendungsfälle! Aber Anwendungsfälle sind keine Strategie.
Sie haben bereits eine Geschäftsstrategie. Sie brauchen keine KI-Strategie. KI ist eine Technologie, ein Werkzeug. Setzen Sie KI gezielt als Initiative, als Plattform für Ihre wichtigsten Geschäftsziele ein – aber nicht als eigenständige Strategie.
In HR, im Kundenservice, im Marketing – überall kann KI sinnvoll genutzt werden. Doch entscheidend ist: Was tun wir als gesamte Organisation, um den größten Hebel für unsere Ziele zu erzielen?
Das erfordert Vorstellungskraft. Organisationen neigen dazu, in Silos zu optimieren. Um mit KI den Unterschied zu machen – schneller, besser, kostengünstiger und ethischer – müssen sie strategisch und abteilungsübergreifend denken.
Das sind die Fragen, die wir stellen müssen.
David Rice: Wie Sie sagen: Es ist schwer, das Ganze zu betrachten, wirklich ganzheitlich zu denken. Es wird kurzfristig übertrieben gehypt, langfristig aber unterschätzt. Alle fragen: Was bringt mir die KI jetzt sofort? Andere Technologien mussten diesen Druck meist nicht aushalten. Die Erwartung an schnellen ROI ist viel höher als sonst.
Wie finden Führungskräfte da das Gleichgewicht zwischen gesunder Skepsis und zukunftsorientiertem Optimismus?
Charlene Li: Gesunde Skepsis ist wichtig. KI kann definitiv Wert schaffen. Die Frage ist: Wie schaffen wir in diesem und den nächsten Quartalen konkret Wert?
Deshalb ist ein KI-Roadmap so wichtig – kein Strategiepapier, sondern eine Planung, wie KI Wert schaffen kann. Es wird bereits überall Wert geschaffen, man erkennt ihn nur nicht immer oder priorisiert ihn nicht richtig.
Man braucht einen transparenten Fahrplan: "Dieses Quartal machen wir das, jenes aber erst später." Alle wissen, woran sie arbeiten. Wenn jemand etwas anderes vorschlägt: "Nicht jetzt, das ist für in zwei Quartalen geplant, und deshalb." Der Fahrplan ist mit Bleistift geschrieben, die Strategie ist einzigartig, die Umsetzung flexibel, je nach Skill-Fortschritt, technologischem Wandel oder neuen Kunden-Bedürfnissen.
Was wir erleben, ist kein Hype-Zyklus-Problem, sondern eine Transformationslücke: Die Kluft zwischen dem, was mit der Technik möglich wäre, und der Fähigkeit der Organisationen, diese Möglichkeiten tatsächlich umzusetzen.
Es hapert nicht an der Technik – überall entstehen neue KI-Lösungen, auch abseits der großen Techgiganten: Universitäten, Kliniken, kleine Unternehmen heben den Wert jetzt schon.
Fangen Sie an: Lernen Sie KI zu nutzen und Wert zu schaffen – sofort.
David Rice: Sie sprechen von Fähigkeiten: Hunderte Use Cases gibt es inzwischen. Wir haben beispielsweise einen Transformation Explorer mit 146 Use Cases allein für HR erstellt. Aber ohne Verständnis für die eigene Reife als Organisation bleibt das unübersichtlich.
Erkennen Sie das Problem: Haben Sie keine klare Vorstellung von der KI-Reife und -Bereitschaft Ihrer Organisation, sind so viele Use Cases schwer zu bewerten.
Charlene Li: Ich möchte das herausfordern: Keine Organisation ist wirklich bereit für KI. Niemand weiß, wie es geht. Wer behauptet, alles im Griff zu haben, täuscht sich.
Wer wartet, bis alles "fertig" ist, oder auf perfekte Daten – den höre ich ständig: "Wir müssen erst die Daten bereinigen!" Nein – nutzen Sie KI jetzt und verbessern Sie Ihre Daten parallel! Suchen Sie Daten, die brauchbar sind. KI kann Ihnen sogar beim Bereinigen helfen. Starten Sie, lernen Sie, extrahieren Sie Wert.
Priorisieren Sie nicht nach Machbarkeit, sondern nach Ihren wichtigsten strategischen Zielen. Haben Sie die größten Herausforderungen und Chancen im Blick und fragen Sie: Wie kann KI uns helfen?
Ihre Priorisierung sollte lauten: Welchen Wert bringt die Erreichung unserer Ziele – und wie schnell kann dieser Wert realisiert werden? Jeder hat Zugang zu derselben Technologie. Geschwindigkeit ist der neue Schutzwall. Kein anderer Wettbewerbsfaktor ist entscheidender, als wie schnell Sie die Technik übernehmen und die Organisation anpassen.
Warten Sie also nicht darauf, "bereit" zu sein. Machen Sie sich bereit, verbessern Sie alles Nötige, aber starten Sie vor allem – mit Fokus. Die Merkmale einer KI-kritischen Kultur: Geschwindigkeit und Fokussierung. Dazu kontinuierliches Lernen, Experimentieren, absolute Kundenorientierung. Doch Geschwindigkeit und Fokus stehen an erster Stelle und müssen auf Ihre zentralen Ziele ausgerichtet sein.
David Rice: Ich sage immer: Am Ende entscheidet, wie die Menschen KI nutzen und wie sie geleitet werden – das ist der Unterschied.
Charlene Li: Und das ist auch das Fundament Ihres Podcasts. Nach über 30 Jahren Erfahrung mit transformativen Technologien kann ich sagen: Es geht nie um die Technik – immer um die Menschen. Das ist keine "Menschen-Herausforderung", sondern eine "Menschen-Chance".
David Rice: Ja.
Charlene Li: KI entwickelt sich rasant. Menschen in Ihrer Organisation nutzen sie bereits – ständig. Vielleicht sollten Sie KI-Amnestie ausrufen: Kommen Sie aus dem Schatten, zeigen Sie offen, wie Sie KI nutzen. Verwenden Sie die bevorzugten, gesicherten Tools, wo keine Modelle trainiert werden. Bringen Sie alles ins Licht. Keine Schatten-KI mehr. Wir bestrafen niemanden für vergangene KI-Nutzung – bringen Sie Ihre Anwendungen offen ein und machen wir das gemeinsam.
David Rice: Das ist spannend: Viele Führungskräfte sind neugierig, aber zögern mit klaren Entscheidungen. Was haben Sie gelernt, um risikoscheue Führungskräfte davon zu überzeugen, KI als strategischen Verbündeten statt als Bedrohung zu sehen?
Wir stimmen überein: Es geht immer um die Menschen, nicht um die Technik – aber was sollte sich ändern, wenn Menschen und autonome Systeme Seite an Seite geführt werden? Wie holen wir das Beste aus beiden heraus?
Charlene Li: Zuerst muss man Angst und Unsicherheit abbauen. Solange das nicht geklärt ist, lernen die Menschen nicht. Ein Unternehmen hat dazu ein besonderes Training für Skeptiker – dabei werden ausschließlich Fragen und Sorgen geklärt, Schritt für Schritt, ganz ohne Vorführung, sondern im Dialog auf emotionaler Ebene. Das Gefühl, in seiner Angst nicht allein zu sein, nicht ignoriert oder ausgelacht zu werden, ist entscheidend. Diese Sorgen sind echt.
Sind diese Hürden genommen, kann man gemeinsam überlegen, wie KI helfen kann. Der beste Weg: etwas aufgreifen, an dem die Person ohnehin arbeitet – ganz praktisch. Nicht Anwendungsbeispiele aus Büchern, sondern ein echtes Problem, eine echte Aufgabe (im Beruflichen oder Privaten). Versuchen Sie, mit KI eine Lösung zu finden – es muss nicht immer funktionieren! Das ist entscheidend.
Bei KI-Kompetenz kommt es auf mehrere Aspekte an: Versteht man, was KI kann und wo ihre Grenzen liegen? Kennt man die ethischen und verantwortungsvollen Anwendungsgebiete? Kann man KI nutzen, um Wert in der eigenen Arbeit zu schaffen? Und zuletzt: Kann man es anderen erklären und vermitteln? Wer etwas lehren kann, besitzt echte Kompetenz und trägt zu einer Lernkultur bei.
Kompetenzaufbau geschieht sehr individuell, gemeinsames Experimentieren, Best-Practice-Austausch und Erfahrung sind essenziell. Nur durch Praxis entsteht echte KI-Kompetenz.
David Rice: Die meisten Menschen lernen durch Machen. Meine Abschlussfrage: Würden Sie heute Führungskräfteentwicklung neu gestalten – was müsste enthalten sein, was fehlt aktuell?
Charlene Li: KI-Kompetenz wäre zentral, gemeint ist das Anwenden in den genannten Dimensionen und das Weitergeben des Wissens.
Zudem: Wie nutze ich KI, um als Führungskraft zu wachsen – Wissen ausweiten, schnellere Entscheidungen treffen und Wirkung skalieren (z. B. über Kommunikation). Das waren bisher alles Grenzen klassischer Führung – da fehlte schlicht die Zeit.
Und wer sagt: "Wann soll ich KI nutzen, bei 15 aufeinanderfolgenden Meetings?" Dem antworte ich: Nutzen Sie KI zuerst dafür, keine 15 Meetings am Tag zu haben!
David Rice: Das wäre ein Anfang.
Charlene Li: Ich kenne einen Sales-Leiter, der alle Transkripte der Vertriebsgespräche nutzen lässt – KI analysiert sie, filtert zentrale Kundenwünsche und Herausforderungen, erkennt Stolpersteine des Teams. Damit hat er Überblick über die Gespräche aller Teams, kann überall "anwesend" sein. Früher undenkbar, heute dank Transkripten und KI möglich – transparent und für alle nutzbar.
Ich kann außerdem mithilfe von KI-Notizen Entwicklungsgespräche besser nachvollziehen, individuelle Lernpläne gestalten. All das, wofür früher Zeit und Kapazität fehlten, ist heute mit KI möglich – wenn wir bewusst entscheiden, wie wir sie als Führungskraft einsetzen, um bessere Führung zu ermöglichen.
David Rice: Charlene, danke für das Gespräch. Es war sehr spannend.
Charlene Li: Vielen Dank für die Einladung.
David Rice: Bis zum nächsten Mal, liebe Zuhörer:innen! Vergessen Sie nicht: Besuchen Sie unsere Website, abonnieren Sie unseren Newsletter, erstellen Sie Ihr kostenloses Konto und laden Sie alle Vorlagen herunter, die Sie brauchen – nutzen Sie die bereitgestellten Tools.
Und bis zum nächsten Mal: Probieren Sie aus. Haben Sie keine Angst.
