Die meisten Menschen brennen nicht aus, weil sie zu hart arbeiten – sie brennen aus, weil sie in einem Tempo agieren, das sie nie dauerhaft durchhalten konnten, und Zielen hinterherjagen, die nicht mit ihrer Persönlichkeit übereinstimmen. Matt Granados spricht mit David Rice darüber, warum die Sprache, die wir rund um Produktivität verwenden – Hochleistung, Hustle, Leidenschaft – bestenfalls irreführend und schlimmstenfalls sogar schädlich ist.
Sie gehen auf die Mechanik optimaler Leistung ein, den Unterschied zwischen Konsum und Beitrag sowie darauf, warum Erfüllung mehr braucht als Vision Boards und vage Inspiration. Wenn Sie in einer Zeit von KI, Ablenkung und Burnout Teams führen, liefert dieses Gespräch einen klaren Weg nach vorn – verwurzelt in Struktur, Absicht und persönlicher Eigenverantwortung.
Das lernen Sie
- Der Unterschied zwischen Hochleistung und optimaler Leistung (und warum nur eine davon nachhaltig ist)
- Warum die Verwechslung von Leidenschaft, Zweck und Identität zu unpassender Arbeit führt
- Ein einfaches System, um Erfüllung in vier Kerndimensionen zu messen
- Wie HR aufhören kann, zu bemuttern, und anfangen kann, Menschen zu befähigen
- Wege, KI zu nutzen, um den menschlichen Beitrag zu erhöhen, statt ihn zu ersetzen
Wichtige Erkenntnisse
- Burnout nicht lösen – vermeiden. Burnout entsteht, wenn Hochleistung die Nachhaltigkeit überholt. Optimale Leistung hingegen basiert auf Konsistenz und Ausrichtung an der eigenen Kapazität – nicht auf Konkurrenz mit anderen.
- Systeme zur Reflexion schaffen, nicht nur für Ergebnisse. Matts vier Vitalzeichen – intern, zwischenmenschlich, körperlich, beruflich – bieten einen wöchentlichen Check-in, mit dem Mitarbeitende erkennen, ob sie vorankommen oder nur im Hamsterrad laufen.
- Identität und Aufgabe unterscheiden. Rollen verändern sich. Identität bleibt. Viele Menschen geraten ins Wanken, wenn sich ihre Aufgabe (Jobtitel, Unternehmen, Rolle) ändert, weil sie ihr Selbstwertgefühl daran geknüpft haben.
- Nicht mehr ermöglichen – sondern befähigen. Die Aufgabe von HR ist es nicht, Mitarbeitende vor Lebensherausforderungen zu retten, sondern ihnen Werkzeuge zu geben, diese selbst zu meistern. Struktur und Rhythmus ermöglichen Spitzenleistung.
- KI als Hebel nutzen, nicht als Krücke. Menschen sollen dafür belohnt werden, wenn sie mit KI-Tools nachhaltig mehr erreichen. Aber nicht vergessen: Der Wert eines Menschen liegt in seiner Anpassungsfähigkeit, nicht im Wettbewerb mit Maschinen.
Kapitel
- [00:00] Die Hochleistungs-Falle
- [03:30] Zweck ist nicht Leidenschaft
- [10:00] Die richtigen Dinge messen
- [15:00] Die Kultur, die Burnout möglich macht
- [23:00] Warum KI die Hochleister übertrumpft
- [30:00] Zeit, Erholung und Reflexion zurückgewinnen
- [37:00] Warum HR umdenken muss
Unser Gast

Matt Granados ist Gründer und CEO von Life Pulse Inc., einer Unternehmensberatung für menschliches Potenzial, die Einzelpersonen und Organisationen hilft, Leistungslücken zu schließen, ohne das Wohlbefinden zu gefährden. Er ist zweifacher internationaler Bestsellerautor – Werke wie Motivate the Unmotivated und The Intentional Week – und sein System verbindet Struktur und Denkweise, um Motivation und Klarheit nachhaltig zu steigern. Zu seinen Kund:innen zählen Fortune-500-Unternehmen, Zweige des US-Militärs, Unternehmer:innen und Privatpersonen. Außerdem ist er Mitbegründer der Take Part Foundation, einer gemeinnützigen Organisation, die sich medizinischer Forschung für seltene Kinderkrankheiten widmet.
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David Rice: Wir sprechen darüber, dass optimale Leistung etwas anderes ist als Höchstleistung, aber trotzdem verfallen wir oft in dieses ganz-oder-gar-nicht-Denken, das zum Burnout führt. Was ist deiner Meinung nach der wichtigste Faktor, um diese Dynamik umzukehren?
Matt Granados: Ja. Nummer eins ist: Man löst Burnout nicht, man vermeidet ihn. Höchstleistung – hohe Produktivität, aber ein nicht nachhaltiges Tempo im Vergleich zu anderen. Optimale Leistung – hohe Produktivität bei nachhaltigem Tempo im Vergleich zu seinen eigenen Fähigkeiten.
David Rice: Ihr messt jede Woche vier wichtige Bereiche. Kannst du uns erklären, was das ist und warum jeder Einzelne zählt?
Matt Granados: Intern – Wie entwickelst du deinen Geist weiter? Relational – Wie entwickelst du deine Beziehungen? Physisch – Wie entwickelst du deinen Körper? Und beruflich – Wie wächst dein Beitrag zur Gesellschaft?
David Rice: Wie sollten HR-Leiter und Führungskräfte KI nutzen, um sinnvolle, zweckorientierte Arbeit zu fördern?
Matt Granados: Es geht darum, wie wir sie nutzen. Ist sie ein Werkzeug oder ist sie ein Götze?
David Rice: Willkommen zurück zum People Managing People Podcast – der Show, die sich mit der komplexen menschlichen Seite der Arbeit, der das beeinflussenden Technologie und den mutigen Ideen beschäftigt, welche die Personalarbeit von morgen gestalten. Ich bin euer Gastgeber, David Rice.
Der heutige Gast ist jemand, der keine leeren Motivationensfloskeln oder abgegriffene TED-Talk-Ratschläge verteilt. Matt Granados ist der Gründer von Life Pulse und er ist hier, um alles in Frage zu stellen, was ihr über Produktivität, Erfüllung und den Sinn der Arbeit zu wissen glaubt. In diesem Gespräch werden wir darauf eingehen, warum Zufriedenheit kein Zufall ist, warum das Streben nach Höchstleistung eigentlich eine Falle ist und warum die meisten Burnouts am Arbeitsplatz weniger mit der Arbeitslast, sondern vielmehr mit fehlgeleiteter Identität zu tun haben.
Matt erklärt, wie das Verwechseln von Leidenschaft und Zweck ganze Karrieren aus der Spur bringen kann, warum HR aufhören muss zu bemuttern und anfangen sollte zu befähigen und wie optimale Leistung im Zeitalter der KI aussieht. Und ja, wir sprechen auch darüber, ob jemals jemand „angezündet“ war, bevor er das Wort Burnout benutzt. Das wird eine große Folge – ehrlich, praktisch, erfrischend ungefiltert. Mir hat dieses Gespräch richtig Spaß gemacht, also steigen wir direkt ein.
Alles klar, Matt, willkommen!
Matt Granados: Danke, David. Danke, dass ich dabei sein darf.
David Rice: Ja, absolut. Moment, du bist in Atlanta, richtig?
Matt Granados: Ich war eine Zeit lang in Atlanta, jetzt in St. Louis. Aufgewachsen in Philly, nach Atlanta gezogen, dann nach St. Louis. Ich sage immer: In Philly im Nordosten mögen sie dich nicht und sagen es dir ins Gesicht, im Südosten mögen sie dich auch nicht, tun aber so, als würden sie dich mögen. Und jetzt im mittleren Westen scheinen die Leute einfach jeden zu mögen – also mitten im Land, besser zu reisen. Bin wegen der medizinischen Situation meiner Tochter hergekommen, aber ich liebe St. Louis wirklich. Wünschte, der Flughafen wäre etwas besser, aber abgesehen davon sind die Menschen großartig.
David Rice: Das klingt doch gut. Man hat mal das ganze Land gesehen, oder?
Matt Granados: Ja, absolut. Völlig unterschiedlich.
David Rice: Ja. Der gute alte Schmelztiegel.
Wir sprechen heute ein wenig über Produktivität, und ich will gleich damit starten: Wie können wir unser Denken über Produktivität verändern? Denn ich denke, das wird nötig sein, gerade jetzt, wo KI ständig Thema ist und Menschen anfangen, ganz anders über Produktivität nachzudenken, weil sie einfach die Art zu arbeiten verändert.
Aber ich will mit einer eher philosophischen Frage beginnen – warum ist Intentionalität so zentral für Erfüllung? Und warum kann niemand zufällig Erfüllung erleben?
Matt Granados: Ich habe noch nie jemanden getroffen, der Erfüllung ohne Intentionalität erfahren hat. Man kann im Lotto gewinnen, Glück haben, wie oder wo man geboren wurde, aber Erfüllung zu erleben – da ist die Absicht der Katalysator. Das Leben ist wie eine Reise: Absicht ist das Fahrzeug, Struktur die Route. Hast du ein Fahrzeug ohne Route, verschwendest du Energie. Hast du eine Route ohne Fahrzeug, ist es vertane Chance. Nur wenn du Absicht mit Struktur verbindest, erreichst du das angestrebte Ziel – also Erfüllung.
Wir maskieren es oft als „Work-Life-Balance“. Wer liebt, was er tut, will sowas nicht. Wer hasst, was er tut, schon. Es gibt ein Lebenselement von Balance, aber die kommt aus Erfüllung, nicht umgekehrt.
Intentionalität bedeutet, zu erkennen, wo ich stehe, wo ich hinwill und welche Handlungen nötig sind. Erfüllung ist kein Unfall, deshalb ist Absicht immer der Katalysator.
Unser System nimmt Absicht und Struktur – und wir nennen das permanente Entwicklung, die zu Produktivität führt. Produktivität ist also das Nebenprodukt der richtigen Ursachenbehebung. Lange Antwort auf eine kurze Frage, aber das ist für mich der Grund, warum Erfüllung nicht zufällig passiert und Absicht dazu nötig ist.
David Rice: Ich finde das großartig, weil wir immer von zweckorientierter Unternehmenskultur und Sinnsuche sprechen. Jeder glaubt, er weiß, was sein Zweck ist, aber viele wissen es gar nicht. Du brauchst Systeme, um das zu erkennen und Wege, wie du dahin kommst.
Wie das Sprichwort sagt: Es gibt viele Wege, die nach Rom führen. Gerade junge Leute müssen diesen Prozess durchlaufen – das ist eine interessante Zeit.
Matt Granados: Ohne Frage. Aber beim Thema Zweck weiß oft niemand, wo man überhaupt anfangen sollte. Deshalb verwechseln wir oft Zweck und Leidenschaft. Und das führt zu Problemen – hätte ich damals nur auf meine Leidenschaft gehört, wäre ich heute vielleicht Ninja Turtle ... aber das war nicht mein Lebenszweck. Was wir tun müssen, ist den Unterschied dieser Begriffe zu erkennen und verstehen, wie die Welt sie manchmal gegen uns einsetzt.
Suchst du „Leidenschaft“ bei Google, findest du schnell bunte, intensive Bilder ... und dann wird es grenzwertig. „Sinn“ hingegen ist Clipart eines Männchens auf einem langweiligen Weg. Die Definition ist aber entscheidend: Zweck ist der Grund, weshalb etwas existiert. Leidenschaft sind starke, unkontrollierbare Gefühle. Welcher Begriff klingt besser – die Existenz zu leben oder Gefühlen hinterherzurennen?
Um deinen Zweck zu erkennen, gibt es drei Kategorien: Identität, Berufung und Auftrag. Der Fehler entsteht, wenn wir Auftrag mit Identität verwechseln – ändert sich der Auftrag, glauben wir, unsere Identität und unser Sinn sind verloren. Aber der Auftrag ändert sich ständig: Heirat, Kinder, Jobwechsel. Der Lebenssinn bleibt.
Sieh deinen Sinn wie einen Regenschirm, der dich beschützt. Die erfülltesten Menschen kennen ihren Zweck. Es geht nicht um die Zukunft, sondern um Reflektion der Vergangenheit. Du wählst deinen Sinn nicht, du entdeckst ihn. Unsere Übungen setzen bei der Selbstreflexion an – das ist in jedem Unternehmen der Schlüssel.
David Rice: Deine Sprache dazu finde ich spannend – viele Führungskräfte schrecken vor Begriffen wie Berufung zurück. Manche wissen selbst nicht, was sie außer dem nächsten Titel eigentlich wollen. Das kann unbequem sein. Und die von dir gewählten Worte schaffen Klarheit – denn ja, es geht um Selbstentdeckung. Es gibt viel kontraproduktiven Rat da draußen – wie „Folge deiner Leidenschaft“.
Matt Granados: Genau – und das ist fatal. Leidenschaft als emotionale Beteiligung an dem, was du tust, macht Sinn – aber nicht als alleinigen Lebensweg. Unser Buch „Motivate the Unmotivated“ befasst sich damit. Worte bedeuten etwas und wir dürfen sie nicht umdefinieren. Ich definiere Identität als „wer du bist“, Berufung als „wie du es erreichst“ und Auftrag als „was du aktuell tust". Wir helfen, diese groben Begriffe in einen simplen Denkprozess zu übersetzen, damit jeder selbst durchgehen kann, ohne dass die Führungskraft alles vorgeben muss.
Genau dafür sind unsere Programme da – damit Führungskräfte nicht mit jedem einzeln sprechen müssen, sondern ein System bereitstellen können, das Menschen schrittweise näher zur Wahrheit bringt.
David Rice: Euer System misst wöchentlich die vier Vitalzeichen der Produktivität als Ergebnis all dessen. Kannst du die erläutern und wieso sie wichtig sind?
Matt Granados: Die vier Vitalzeichen der Erfüllung sind: intern, physisch, relational und professionell – in dieser Reihenfolge, angepasst an die menschlichen Grundbedürfnisse. Intern – Entwicklung von Geist, Seele, Spiritualität. Relational – Wie wachsen deine Beziehungen? Physisch – Wie pflegst du deinen Körper? Beruflich – Wie wächst dein Beitrag zur Gesellschaft?
Besonders das Wort „Beitrag“ ist wichtig. Die Welt hat uns eingeredet, es gehe ums Konsumieren – dabei sollten wir Menschen beitragen, nicht konsumieren. In diesem Beitrag bekommen wir die Möglichkeit zu konsumieren. Daher ist das aktive Streben nach Balance in diesen Bereichen entscheidend – nicht Perfektion, sondern dauerndes Balancieren.
Wir machen einen kurzen Puls-Check: Wie lief letzte Woche in jedem Bereich (0–10)? Dann: Was tust du kommende Woche, um dich zu verbessern? Das Ziel ist kleine, konsequente Schritte, nicht große Sprünge – so ergibt sich große Veränderung im Laufe der Zeit. Wer diese vier Bereiche im Blick behält, kommt voran.
David Rice: Das mit Beitrag statt Konsum und mit Identität und Auftrag zu verwechseln – wieviel davon ist kulturell bedingt? Ist das ein westliches Phänomen oder auch von der Geschäftswelt getrieben?
Matt Granados: Der Haupttreiber ist kulturell, weil in anderen Ländern mit weniger Zugang und Wohlstand manche dieser Probleme noch ganz anders aussehen. Vieles kommt auch aus der Selbstentwicklungs- und Coaching-Welt, dem „Hauptsache ich“-Mindset, YOLO, alles aus den letzten Generationen. Wir bekommen kurzfristige Symptomlösungen statt Ursachenbehebung – wie bei einem offenen Bruch: Du brauchst keine Schmerzmittel, sondern das Zurücksetzen der Knochen. So heilen wir.
Das große Versäumnis im Personalbereich ist, dass wir glauben, als Unternehmen müssten wir für jeden individuell Lücken schließen und haben damit ein Anspruchsdenken gefördert. Wir müssen aber Menschen befähigen statt sie zu bemuttern. Wir bieten eine starke Basis, aber die Brücke zurück zu uns ist ihre Aufgabe. Genau das bewirkt Kulturwandel. Jeder übernimmt Verantwortung und Führungskräfte können sich um das wirklich Wichtige kümmern. Das führ zu nachhaltigen Ergebnissen – egal bei wie vielen Mitarbeitenden.
David Rice: Ich sage immer: arbeite, um zu leben, nicht umgekehrt. Du nimmst die Last von den Führungskräften, von denen zu viel verlangt wurde – gerade auch in HR.
Matt Granados: Absolut. Und sie können das auch gar nicht in der Masse leisten. HR übernimmt zu viel Administration und kaum noch Entwicklung. Unser System hilft, diese Entwicklung strukturiert und eigenverantwortlich zu gestalten. Dann ist HR wieder ein Mentor und nicht Babysitter. Leider wurde HR aber oft zur reinen Ressource und Mitarbeitende zu Ressourcen gemacht. Unternehmen versuchen nur noch, so viel wie möglich herauszuholen und wundern sich über Burnout. Das ist wie bei der Grind-Kultur: Wenn man etwas zermalmt, bleibt am Ende nichts. Es gibt Phasen harten Arbeitens, aber auch Erholungszyklen – unsere Kundin, eine erfolgreiche Chiropraktikerin, plant nach solchen Phasen ganz bewusst Auszeiten. Mit Systematisierung und Selbstverantwortung erreichen wir nachhaltige Entwicklung.
Wenn Lebensprobleme der Mitarbeitenden gelöst werden, läuft der Job von allein.
David Rice: Genial! Dein Ansatz nimmt Führungskräfte aus einer unmöglichen Heldenrolle heraus. Das ist viel realistischer und nachhaltiger.
Matt Granados: Ganz genau. HR braucht endlich wieder Ressourcen für Menschen statt umgekehrt. Wir glauben – wie beim zermalmten „Grind“-Konzept – wir müssen jeden Einzelnen retten, aber das ist unmöglich. Besser ist es, Strukturen zu schaffen für eigenverantwortliche Entwicklung, sodass Führung sich auf echtes Management konzentrieren kann.
David Rice: Jetzt hast du schon mehrfach die vier Vitalzeichen genannt – nochmal: Was bedeuten intern, physisch, relational und professionell genau?
Matt Granados: Intern: Entwicklung von Geist, Seele, Einstellung – unabhängig vom Glauben, sondern einfach, wie wir als Menschen aufgebaut sind. Relational: Beziehungen aktiv stärken. Physisch: Körper pflegen – man hat schließlich nur den einen. Professionell: Eigenen Beitrag zu Gesellschaft und Unternehmen erhöhen. Balance meinst du eher im Fluss, nicht als festen Zustand – aktiv daran arbeiten. Kleine regelmäßige Überprüfungen und Verbesserungen, nicht riesige Sprünge. Wer das tut, entwickelt auf Dauer alle Lebensbereiche nachhaltig weiter.
David Rice: Wie ist das eigentlich im internationalen Vergleich – worin unterscheiden sich Kulturen? Haben wir bei uns diese Probleme verschärft?
Matt Granados: Ja, westliche Überflussgesellschaften beklagen oft Probleme, über die man in anderen Teilen der Welt nur den Kopf schütteln würde. Die Ursache ist kulturell, aber die Konsequenzen erfordern Lösungen. Unsere auf kurzfristige Motivation ausgelegte Selbstoptimierungs-Kultur hat dazu geführt, dass wir nach schnellen Symptomenlösungen und Individual-Lösungen greifen, statt die Zusammenhänge zu betrachten.
Das ist wie beim Armbruch – kurzfristige Schmerzlinderung bringt nichts, wenn die Ursache nicht behoben wird. Auch die Denkweise im HR-Bereich muss sich ändern – wir müssen unsere Mitarbeitenden ausstatten, Lücken selber zu schließen, nicht ihnen alles abzunehmen. Das bringt wirklich nachhaltigen Wandel im Unternehmen.
David Rice: Genau das ist der Unterschied: Die Aufgabe des Unternehmens ist eine starke Basis – aber Lücken zum Unternehmen müssen Mitarbeitende selbst füllen. Wir haben zu lange geglaubt, alles geben und lösen zu müssen.
Matt Granados: Richtig – Menschen müssen lernen, ihr eigenes Leben in den Griff zu bekommen, damit sie auch im Job optimal agieren können. Das entlastet die Führung enorm – und ist für alle nachhaltiger.
David Rice: Wie schätzt du das mit KI ein? Wird sie von HR und Führungskräften die Arbeit sinnvoller machen oder besteht das Risiko, dass wir neue Probleme schaffen?
Matt Granados: Die entscheidende Frage ist: Wird KI als Werkzeug benutzt oder als Götze – wird sie vergöttert? Die Revolutionen werden immer schneller, von Generationen über Jahrzehnte, nun im 6-Monats-Takt! Es geht darum, wie man KI klug nutzt – zum Beispiel mit Incentives für die Entwicklung von SOPs („Suggested Operating Procedures“) rund um KI-Einsatz. Wer lernt, mit KI 10-fache Produktivität bei gleicher Zeit zu erzielen, sollte ruhig einen Teil der Wertschöpfung zurückbekommen. Das bringt allen mehr Freiheit und Wirkung. Es geht nicht darum, Menschen zu ersetzen, sondern klug zu multiplizieren. Die Unternehmensführung muss dafür den Rahmen und positive Anreize schaffen.
KI wird weiter wachsen, aber wir sind es, die sie gestalten. Wer weiterhin auf reine Höchstleistung statt auf optimale, nachhaltige Leistung setzt, wird von KI überrollt – wie ein Taschenrechner gegen einen Menschen antritt. Wer aber auf Nachhaltigkeit, Flexibilität und Sinn achtet, kann KI meisterhaft nutzen.
David Rice: Ich finde die Unterscheidung großartig: KI als Werkzeug generiert echte Mehrwerte, aber der Mensch bleibt entscheidend. Die fast religiöse KI-Verehrung finde ich gefährlich – denn wir sind es, die damit lernen, adaptieren und die Welt gestalten.
Matt Granados: So ist es – KI wird uns nicht zerstören, sondern wie wir sie nutzen, entscheidet. Menschen sind anpassungsfähig wie keine andere Spezies. Die Frage bleibt: Nutzen wir Technologie, um unser Potenzial als Menschen zu fördern oder laufen wir blind technologischem Hype hinterher? Nachhaltigkeit, Menschlichkeit und Sinn bleiben im Zentrum – auch oder gerade durch den Wandel.
David Rice: Du hattest erzählt, euer Ansatz bringt Menschen im Schnitt 15 Stunden mehr Produktivität pro Woche. Was machen die meisten mit dieser Zeit?
Matt Granados: Ohne System kann das schnell verpuffen – wie bei Lottogewinnern, die bald wieder bankrott sind. Ohne eine neue Nutzung landet man wieder im alten Trott. Richtig eingesetzt, verbringen die meisten mehr Zeit „mit Sein statt Tun“ – Zeit für Familie, zum Nachdenken, Anpassung – das, was uns als Menschen ausmacht. Kreativität und Lösungen entstehen im Raum, nicht im Dauerstress. Unsere Methode „Reverse Planning“ beginnt mit dem, was man wirklich tun will, dann dem, was man muss, der Rest wird delegiert. Das Ganze wird wochenweise geplant, nicht tage- oder monatsweise – so bleibt genug Flexibilität und ein erreichbares Etappenziel.
David Rice: Genau das passierte ja während Corona – Menschen haben neue Hobbys, Zeit im Freien, Sport wiederentdeckt. Raum und Stille werden plötzlich wertvoll, nicht Dauerbeschäftigung.
David Rice: Zum Schluss: Du hast von einer großen Techfirma erzählt, wo Mitarbeitende sich entweder berechtigt oder versklavt fühlen, dabei aber kaum wissen, wie sie den Invest des Unternehmens zurückgeben können. Wie dreht ihr das Modell um und befähigt Einzelne, die Lücke zum Unternehmen selbst zu schließen?
Matt Granados: Zentral ist der Wert selbst, nicht das Angebot. Boni, jährliche Prozentsteigerungen motivieren nicht. Vielmehr müssen die Benefits erklärt und verankert sein – was sie dem Einzelnen ermöglichen (etwa, dass gesundheitliche Notlagen nicht mehr zu existenziellen Problemen führen), nicht als Marketingslogan, sondern als echtes Verständnis, warum dies den Wert bietet.
Kundenspezifische Lösungen sind möglich – auch in regulierten Unternehmen mit vielen Mitarbeitenden geht das über kluge Fragen, Systeme und eine passende Metrik-Erfassung. Es zählt nicht der absolute Wert, sondern der Fortschritt. Wichtig ist, dass HR den Nutzen aller Maßnahmen prüft und schaut, ob sie tatsächlich zur Entwicklung und zur Befähigung beitragen.
Wenn Systeme erlauben, mit dem vorliegenden Ressourcensatz Effizienz von 40 auf 60 oder 80 Prozent anzuheben, entsteht eine Sicherheitsreserve für Krisen und ein stabiler Grund für Wandel.
Fehlen Struktur und Rhythmus, entstehen Chaos und Stress. Unsere Lösungen ermöglichen gezielte, personalisierte Entwicklung und messen Erfolge nicht mit beliebigen Kennzahlen, sondern an echter Verbesserung. Führungskräfte sollten daher alles darauf ausrichten, individuelle Entwicklung zu fördern und wirklich zu befähigen.
David Rice: Matt, das war ein extrem spannendes Gespräch! Wir könnten stundenlang weiterreden – ich weiß, viele HR-Profis beschäftigen die gleichen Fragen. Sag doch bitte noch, wie und wo Zuhörende mehr über dich und dein Angebot erfahren.
Matt Granados: Sehr gern – gerne machen wir eine spezielle Seite für diesen Podcast: lifepulseinc.com/pmp. Dort gibt‘s einige kostenlose Ressourcen, um direkt einzusteigen. Wer Lust auf mehr hat, @LifePulseInc in allen sozialen Netzwerken oder direkt LinkedIn – dort sind ja fast alle HR-Profis aktiv. Einfach melden, auch für schnelle Impulse oder bei konkreten Herausforderungen – wir sprechen gerne unverbindlich und helfen weiter. Uns geht es um nachhaltige, menschenzentrierte Entwicklung und den Wandel weg von der auszehrenden Grind-Mentalität.
David Rice: Zum Abschluss: Wir lassen es immer offen, dass du mir eine Frage stellen kannst – also, leg los!
Matt Granados: Was war das irreführendste Konzept aus dem Selbstentwicklungsbereich, das du erlebt hast? Besonders eines, das nach außen vielversprechend wirkte, aber in der Praxis keine Wahrheit hatte?
David Rice: Gutes Beispiel dafür ist „Law of Attraction“ – Manifestieren durch Vision Boards & Co. ist am Ende ein Mindset-Tool und kein Automatismus. Es geht um Fokussierung, aber ohne Handlungsplan passiert nichts. Entscheidend ist, wie diese Vision deine Taten beeinflusst – erst konkrete Aktionen und Taktiken machen aus dem Wunsch Realität. Vieles, was propagiert wird, klingt gut, führt aber ohne echten Plan zu wenig.
Matt Granados: 100%-ige Zustimmung! Auch wir entzaubern in unseren Coachings das Konzept von „Manifestation“ und Affirmationen. Es braucht Absicht und Handlungen. Erinnerungen, etwa Familienbilder, halten uns fokussiert, aber ohne Umsetzung geschieht nichts. Ehrlichkeit und Wahrheit sind entscheidend. Vielen Dank, David, für die Möglichkeit, über das zu sprechen, was die HR-Welt wirklich braucht.
David Rice: Matt, vielen Dank für das Gespräch.
Matt Granados: Danke, David.
David Rice: Und an die Zuhörer:innen: Abonniert unseren Newsletter unter peoplemanagingpeople.com/subscribe, reflektiert euren Sinn, eure Aufgabe – und verwechselt sie nicht mit eurer Identität.
