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Key Takeaways

KI-getriebene Entlassungen: Viele Unternehmen nutzen KI als Vorwand für Entlassungen, die eigentlich auf Budgetdruck und nicht auf Automatisierung zurückzuführen sind.

Vertrauensverlust: Entlassungen als KI-getrieben darzustellen, führt zu einem Vertrauensdefizit bei Mitarbeitenden, wenn die Realität nicht zur Begründung passt.

Produktivitätslücke: Die aktuellen Produktivitätszahlen zeigen, dass KI bislang weder maßgeblich Personalabbau noch Effizienzsteigerungen bewirkt.

Ehrliche Kommunikation: Führungskräfte sollten Budgeteinschränkungen offen ansprechen, um Vertrauen zu wahren und den Übergang zu erleichtern.

Wenn 59 % der Personalverantwortlichen zugeben, dass sie in Entlassungsankündigungen die KI betonen, weil das bei den Stakeholdern „besser ankommt“ als finanzielle Engpässe zuzugeben, dann ist aus einem narrativen Spin eine strategische Täuschung geworden. 

Eine Umfrage von Resume.org unter 1.000 US-Personalverantwortlichen im Dezember 2025 bestätigt, was viele ahnten: KI ist zur bevorzugten Ausrede der amerikanischen Unternehmen geworden, um Stellenkürzungen zu rechtfertigen, die wenig mit Automatisierung, aber alles mit klassischem Kostenmanagement zu tun haben.

Die Diskrepanz zwischen Wahrnehmung und Realität ist eklatant. Während Unternehmen öffentlich KI als Grund für Entlassungen angeben, berichten nur 9 %, dass die Technologie wirklich komplette Rollen ersetzt hat. Gleichzeitig fand Oxford Economics heraus, dass KI-bezogene Kündigungen in den ersten elf Monaten 2025 nur 4,5 % aller Entlassungen in den USA ausmachten – etwa 55.000 Stellen. Arbeitsplatzverluste, die auf übliche Markt- und Wirtschaftsbedingungen zurückgehen, lagen im gleichen Zeitraum bei 245.000 – viermal so hoch.

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Unternehmen restrukturieren – das ist vollkommen normal. Die entscheidende Frage für viele Analysten ist jedoch: Warum muss dabei der wahre Grund verschleiert werden? Und welchen langfristigen Glaubwürdigkeitsverlust nehmen sie mit der KI-getriebenen "Organisations-Entflachung" in Kauf?

Das Stakeholder-Narrativ

Die Daten von Resume.org zeigen, dass 17 % der Unternehmen explizit KI für Entlassungen verantwortlich machen, obwohl finanzielle Einschränkungen der eigentliche Treiber sind. Weitere 42 % geben zu, diese Darstellung „manchmal“ zu nutzen. Zusammengefasst räumen fast sechs von zehn Personalverantwortlichen ein, KI als bequeme Ausrede zu verwenden – für Entscheidungen, die in Wahrheit auf Budgetdruck, unsicheren Einnahmen oder früherer Überbesetzung beruhen.

Kommunikativ betrachtet macht dieses Vorgehen Sinn: Investoren und Mitarbeitenden mitzuteilen, dass wegen niedriger Nachfrage gespart wird, signalisiert Finanzprobleme. Dieselben Kürzungen als KI-getriebene Transformation zu erklären, klingt nach Weitsicht und Effizienzgewinn. Das eine Narrativ wirkt defensiv, das andere proaktiv.

Doch die Grenze zwischen Erläuterung und Täuschung verschwimmt. Wenn die Hälfte der Belegschaft weiß, dass die KI-Begründung nur Theater ist und die andere Hälfte sie glaubt, entsteht ein Vertrauensproblem, das länger bleibt als jede Quartalskonferenz. 

Mitarbeitende, die Entlassungen überstehen und dann beobachten, wie dieselben Stellen unter anderem Titel neu besetzt oder wie ihre Arbeitsbelastung ohne entsprechende KI-Unterstützung verdoppelt wird, wissen genau, was wirklich passiert ist.

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Die Realität aus Sicht der Führungskräfte

Lacey Kaelani, Mitgründerin der Jobsuchmaschine Metaintro, erkennt das Muster klar in den Arbeitsmarktdaten. 

KI eliminiert nicht vollständig Rollen, sondern restrukturiert Aufgabenbereiche und verlangsamt dadurch die Neueinstellungen in manchen Jobs. Was tatsächlich passiert, ist, dass Unternehmen ‘KI’ als Oberbegriff für traditionelle Kostenreduzierungen nutzen, austretende Mitarbeitende nicht ersetzen und die Arbeitsbelastung für verbleibende Angestellte erhöhen.

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Mitgründerin von Metaintro

Cheryl Yuran, CHRO bei Absorb Software, schildert eine ähnliche Realität aus operativer Sicht.

Was wir beobachten, sind Einstellungsstopps und eine Umverteilung von Talenten, aber keine Verkleinerung der Belegschaft. Ja, Unternehmen, die KI nutzen, finden Effizienzen in nahezu jeder Rolle, insbesondere bei klar definierten, sich wiederholenden Aufgaben. Aber ein Teil dieser Reduzierungen wird dadurch ausgeglichen, dass Talente aufgewertet werden, um sich auf Arbeiten zu konzentrieren, für die sonst keine Zeit bliebe.

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CHRO bei Absorb Software

Pranav Dalal, CEO von Office Beacon, weist auf die Realität der Arbeitsbelastung hin, die durch das KI-Narrativ häufig verschleiert wird. 

Aus der Vogelperspektive sehen wir bei KI nicht die Abschaffung von Arbeitsplätzen, sondern vielmehr eine Verlangsamung des Personalwachstums und eine wenig beachtete Verschiebung der Arbeitslast. Die Automatisierung von Arbeit findet statt, aber Urteilsvermögen und Umsetzung bleiben eindeutig menschlich. In vielen Fällen erleben wir trotz Personalwachstum tatsächlich eine Mehrbelastung und erhöhten Stress bei den bestehenden Teams.

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CEO von Office Beacon

Genau diese Diskrepanz macht die KI-Sündenbock-Strategie so schädlich. Unternehmen verkünden transformative Automatisierung, während Mitarbeitende tatsächlich steigende Arbeitsbelastung ohne die versprochenen Produktivitätstools erleben. Die Lücke zwischen der Erzählung und der Realität wird unübersehbar.

Es gibt noch einen weiteren Faktor, über den nur wenige Führungskräfte sprechen, den aber Diane Brady, Executive Editorial Director bei Fortune, kürzlich benannt hat. CEOs verknüpfen Entlassungen mit KI, um die verbleibenden Mitarbeitenden zur Nutzung der Technologie zu motivieren.

Auch wenn diese Taktik sich als toxisch erweisen kann, betrachten manche Führungskräfte sie offenbar als den besten Weg, in unsicheren Zeiten zu inspirieren und zu motivieren.

Man könnte glauben, dass die häufig angeführte Verbindung zwischen KI und Entlassungen einfach daran liegt, dass sich Führungskräfte davon künftige Effizienzsteigerungen versprechen. Doch wie Brian Elliott auf seinem Substack schildert, übersteigt der Glaube an KI-Effizienz möglicherweise die Realität – aber sie ist nicht der eigentliche Treiber von Entlassungen.

Zitat-Screenshot von Brian Elliotts Insights auf Substack.

Wenn aggressive KI-Narrative nach hinten losgehen

2025 lieferte Klarna eines der bekanntesten warnenden Beispiele dafür, was passieren kann, wenn Unternehmen sich vollkommen dem KI-Transformationsnarrativ verschreiben, ohne dieses auch untermauern zu können. Das schwedische Fintech-Unternehmen kündigte umfangreiche, KI-gesteuerte Personalabbauten an und stellte diesen Schritt als notwendige Automatisierung dar. Die Realität stellte sich jedoch als weitaus komplexer heraus.

„Sie haben voll auf generative KI gesetzt“, sagt Kenneth Corrêa, Autor von Cognitive Organizations. „Als sie die Technik sahen, haben sie gedacht: Okay, das wird unsere Rettung, wir entlassen alle. Doch dann kam das böse Erwachen, als klar wurde, dass KI nicht in der Lage ist, 100% aller Kundenservice-Situationen zu bewältigen.“

Klarna wechselte schließlich – wie Corrêa es beschreibt – zu einem ausgewogeneren Modell, einem 80/20-Split: KI übernimmt Routinedienstleistungen, während menschliche Mitarbeitende Ausnahmen und komplexe Fälle abwickeln. 

Das Unternehmen musste zurückrudern und damit zeigen, dass das ursprüngliche KI-Narrativ nicht zur betrieblichen Realität passte. Ein solcher öffentlicher Kurswechsel schadet sowohl gegenüber Investoren als auch den Mitarbeitenden der Glaubwürdigkeit.

Der Produktivitätstest

Oxford Economics liefert einen einfachen Test, ob KI tatsächlich Personalkürzungen antreibt: Würden Maschinen Menschen in großem Maßstab ersetzen, müsste die Leistung pro verbleibendem Mitarbeitenden explodieren. Stattdessen bleibt das Produktivitätswachstum in den führenden Volkswirtschaften schwach und schwankend – ein Zeichen dafür, dass KI-Einführung meist noch experimentell und nicht transformativ ist.

Auch die Umfrage von Resume.org bestätigt dies. Während 45% der Unternehmen berichten, dass KI teilweise den Bedarf an Neueinstellungen reduziert hat, geben weitere 45% an, dass die Technologie kaum Auswirkungen auf die Personalstärke hatte. Die meisten Organisationen nutzen KI, um Einstellungen zu verlangsamen, aber nicht, um bestehende Stellen zu streichen.

Diese Diskrepanz sorgt für die seltsame Situation, dass Unternehmen Personalabbau unter Verweis auf KI-Fähigkeiten ankündigen und gleichzeitig berichten, dass sich durch KI an ihrem Personalbedarf kaum etwas geändert hat. Die Rechnung geht nur auf, wenn man die wahre Variable kennt: Budgetzwänge, die als technischer Fortschritt verkauft werden.

Die zersetzende Wirkung des KI-Sündenbocks

Yuran beschreibt den langfristigen Vertrauensschaden wie folgt.

Die Kluft wird unüberbrückbar, wenn Unternehmen die KI-Einsparungen, die sie verkündet haben, nicht realisieren können und das operative Geschäft leidet sowie das Vertrauen schwindet. Das ist KI-Sündenbockdenken – und es ist zersetzend. Es schürt unnötige Ängste vor der Technologie, was genau jene Einführung verzögert, die dem Unternehmen eigentlich neuen Schub geben könnte.

David Jones, Arbeitsmarktökonom und CEO von Mercer Assessments, verweist auf Vertrauen als immer wiederkehrende Herausforderung bei organisatorischem Wandel in den vergangenen Jahren. 

Bei all den Entlassungen, all den Veränderungen innerhalb von Unternehmen ändern sich die Rollen der Menschen. Man bittet sie, Vertrauen zu haben, obwohl sie den Markt betrachten und viele Gründe sehen, es nicht zu tun. Viele Führungskräfte kommunizieren nicht besonders gut. Sie vermitteln weder eine größere Vision noch ein Gefühl der Gemeinschaft innerhalb des Unternehmens.

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CEO von Mercer Assessments

Wenn Unternehmen KI als Allzweck-Erklärung für Personalentscheidungen nutzen, verspielen sie die Glaubwürdigkeit, die für ein echtes Change Management nötig ist. Die Mitarbeitenden werden gegenüber allen Transformationsinitiativen skeptisch, nicht nur bei denen, die im KI-Theater-Jargon präsentiert werden. Der daraus resultierende Widerstand erschwert spätere Veränderungen, selbst wenn diese tatsächlich notwendig wären.

Was Aufsichtsräte fordern sollten

Für Aufsichtsräte und CEOs ist die Versuchung verständlich, Kostensenkungen als Innovation zu verkaufen. Aktionäre reagieren positiv auf Effizienz-Narrative. „KI-Transformation“ wird medial besser aufgegriffen als „finanzielle Sparmaßnahmen“. Die Aktienkurse steigen oft nach Restrukturierungsankündigungen, die mit Automatisierung und Effizienzgewinnen begründet werden.

Der langfristige Preis dafür ist Glaubwürdigkeit. Wenn ein Unternehmen angibt, dass KI die Ursache für Personalveränderungen ist, aber keine entsprechenden Produktivitätssteigerungen nachweisen kann, werden Fragen gestellt. Wenn dieselben Unternehmen später einräumen müssen, ähnliche Stellen nachzubesetzen oder dass KI nur einen Bruchteil der ursprünglich angepriesenen Arbeit übernimmt, bricht das KI-Narrativ zusammen.

Authentische, KI-getriebene Restrukturierung hat spezifische Merkmale. 

  • Die Produktivität pro Mitarbeitenden steigt messbar. 
  • Das Unternehmen investiert in neue KI-Infrastruktur parallel zu Personalkürzungen. 
  • Verbleibende Mitarbeitende erhalten Schulungen und Werkzeuge, die die Arbeitsweise nachweislich verändern. 
  • Die Organisation kann konkrete Arbeitsabläufe benennen, die keine menschliche Beteiligung mehr benötigen.

Als KI-Transformation getarnte Kostensenkungen erfüllen diese Kriterien nicht. Personalabbau erfolgt ohne begleitende Investitionen in Technologie. Die verbleibenden Mitarbeitenden übernehmen Aufgaben der Gekündigten mit minimalen neuen Hilfsmitteln. Auf Nachfrage gerät das Management ins Schwimmen, welche KI-Fähigkeiten welche Rollen übernommen haben.

Der Weg zu ehrlicher Kommunikation

Yuran spricht klar aus, was Führungskräfte ihren Organisationen bei Restrukturierungen schulden.

Personalverantwortliche tragen hier eine Verantwortung. Wir müssen die wahren Gründe erklären. Wenn wir die Erwartung an Rollen verändern, müssen wir konkret benennen, was anders ist und warum. Und wir müssen das mit Investitionen untermauern – mit individueller Weiterbildung, Mentoring, Coaching –, damit Mitarbeitende diese Veränderungen aktiv angehen können, statt sich von ihnen abgehängt zu fühlen.

Budgetbeschränkungen sind legitime Geschäftsrealitäten. Sie offen anzusprechen, ermöglicht ehrliche Gespräche über Unternehmensgesundheit, Marktbedingungen und strategische Prioritäten. 

Wer diese Zwänge hinter technologiebasierter Transformation versteckt, schafft eine wachsende Glaubwürdigkeitslücke – jedes Mal, wenn die Erklärung nicht zur erkennbaren Realität passt.