Ihr Unternehmen wächst. Das sind großartige Neuigkeiten! Jetzt müssen Sie das passende Talent finden, um Ihr wachsendes Geschäft zu unterstützen, richtig? Bremsen Sie erst einmal.
Das rät Erika Westphal, VP of People bei WorkSpan. Dieser Rat widerspricht zwar dem, was die meisten HR-Führungskräfte und Experten für Talentgewinnung denken würden, doch er enthält eine klare Botschaft.
„Eine kontraintuitive, aber effektive Strategie war es, das Tempo bei Einstellungen zu drosseln, um schneller zu skalieren“, sagte Westphal. „Anstatt in Phasen von Hyperwachstum überstürzt Positionen zu besetzen, konzentrieren wir uns auf gezielte Einstellungen – und stellen sicher, dass jede Neueinstellung auch strategisch zu den langfristigen Geschäftsanforderungen passt.“
Wachstumsschmerzen
Wenn Sie als HR-Führungskraft schon einmal ein Wachstum in einem Startup miterlebt haben, dürfte Ihnen diese Geschichte bekannt vorkommen. Es ist eine weit verbreitete Erfahrung.
Offene Stellen verdoppeln oder verdreifachen sich manchmal über Nacht, und vom HR-Team wird erwartet, die Positionen schneller zu besetzen als je zuvor. Das Recruiting-Team hetzt, um qualifizierte Kandidaten zu finden, aber das schiere Einstellungsvolumen bringt die Abläufe zum Bröckeln.
Eine gründliche Prüfung der Kandidaten wird zur Herausforderung, und die Führungskräfte drängen plötzlich auf schnelle anstelle der richtigen Einstellungen. Kulturelle Passung, einst ein heiliges Kriterium, wird zum Luxusgut, das sich die HR nicht mehr leisten kann.
Zu schnell einzustellen und dabei mit hoher Fluktuation zu kämpfen, ist kein seltenes Problem. Eine Analyse von Carta untersuchte die durchschnittlichen Fluktuationsraten pro Jahr bei Startups. Sie kamen zu dem Schluss, dass nach einem Jahr etwa eine 19%ige Wahrscheinlichkeit besteht, dass ein:e Mitarbeiter:in nicht mehr im Startup beschäftigt ist, wobei 14% davon freiwillige Abgänge sind. Nach 36 Monaten liegt die Wahrscheinlichkeit, dass ein:e Mitarbeiter:in noch bleibt, nur noch bei 50%.
Das nachfolgende Chaos
Wenn neue Mitarbeitende im Chaos eingestellt werden, folgt diesem Chaos meist weiteres Chaos. Das Onboarding verläuft hektisch und die Auflösung der Unternehmenskultur eines vormals eingespielten Teams ist eine typische Folge.
Die Lösung besteht darin, eine skalierbare HR-Infrastruktur aufzubauen. Doch entgegen der gängigen Annahme bedeutet das nicht zwangsläufig, die HR deutlich aufzustocken.
„Wir haben auf Self-Service-HR und KI-gesteuerte Prozesse gesetzt, um die Abhängigkeit von einem großen HR-Team zu verringern“, sagt Westphal. „Dadurch konnten wir effizient skalieren, ohne unnötige Komplexität zu schaffen, unser Team schlank zu halten und trotzdem die Mitarbeitenden optimal zu unterstützen.“
Der größte Einfluss liegt aber auf Ihren Mitarbeitenden und der Qualität der Employee Experience.
Bei so vielen Neueinstellungen und ehrgeizigen Geschäftszielen kann die Arbeitsbelastung ungleich verteilt werden. Mitarbeitende, die schon länger dabei sind, werden zusätzlich zu ihren eigenen Aufgaben oft noch mit Trainings betraut.
Wie Sie sich vorstellen können, bleibt auch HR selbst nicht verschont: Recruiter machen 14-Stunden-Tage, Experten für Personalbetreuung gehen in Beschwerden unter und die Lohnbuchhaltung kommt mit der Anpassung von Gehältern und Benefits nicht mehr hinterher. Das Ergebnis? Burnout, Kündigungen und ein schnell sinkendes Arbeitgeber-Image.
Dieses Schicksal ist jedoch nicht unausweichlich. Westphal hat bei WorkSpan das Problem Burnout miterlebt und klare Maßnahmen ergriffen, um dem entgegenzutreten.
„Eine der größten Herausforderungen ist es, beim Wachstum Work-Life-Balance und Mitarbeiterengagement zu erhalten“, so Westphal. „Rasantes Wachstum führt oft zu Burnout-Risiken, besonders in leistungsorientierten Umgebungen wie SaaS.“
WorkSpan begegnet diesen Herausforderungen durch:
- Neudefinition der Arbeitserwartungen – Führungskräfte dazu ermutigen, Vorbilder für Balance zu sein, realistische Ziele zu setzen und Flexibilität zu bieten. Klarheit bei Priorisierung und Zielerreichung ist entscheidend.
- Strategische Einstellungen & Rollenabstimmung – Nicht nur für den kurzfristigen Bedarf einstellen, sondern nachhaltige Teams für langfristigen Erfolg aufbauen. „Wir stellen außerdem sicher, dass das bestehende Team die nötige Unterstützung und die Werkzeuge erhält, die es benötigt, um auf höchstem Niveau in den jeweiligen Rollen zu arbeiten,“ so Westphal.
- Schaffung skalierbarer Prozesse – Optimierung von Leistungsmanagement, Onboarding und interner Mobilität, damit Wachstum nicht zu Lasten der Unternehmenskultur geht.
- Offener Dialog mit Mitarbeitenden – Die Anliegen der Mitarbeitenden aktiv hören: durch Umfragen, Einzelgespräche und Q&A-Runden mit der Führung. „Wir haben zudem ein HR-Komitee ins Leben gerufen, das als Kultur-Botschafter fungiert und sicherstellt, dass alle sich gehört fühlen,“ ergänzt sie.
Clever wachsen statt nur schnell
Hyperwachstum ist kein Sprint, sondern ein Marathon – und HR gibt das Tempo vor. Wachsen bedeutet nicht, in Rekordzeit einzustellen oder Menschen ins Chaos zu werfen, sondern gezielt einzustellen, die Unternehmenskultur zu fördern und sicherzustellen, dass die Infrastruktur das Wachstum tragen kann.
Die Unternehmen, die am effizientesten wachsen, sind nicht diejenigen, die am schnellsten einstellen – sondern diejenigen, die mit Zielstrebigkeit aufbauen. Bevor Sie also hastig das nächste Teammitglied einstellen, atmen Sie einmal durch. Eine wohlüberlegte Einstellung heute verhindert eine Krise morgen.
