Tim spricht mit dem Chief Ethics Officer von Airbnb, Rob Chesnut, darüber, wie Unternehmen eine Kultur der Integrität aufbauen können. Höre dir die Folge hier an!
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Tim Reitsma
Nur weil eine Organisation Integrität als einen ihrer Werte niedergeschrieben hat, heißt das noch lange nicht, dass sie auch wirklich danach handelt. Es gibt unzählige Geschichten von Unternehmen, die behaupten, sie würden mit Integrität handeln – und in die Schlagzeilen geraten, weil sie das Gegenteil tun. Mein heutiger Gast, Rob Chesnut, Autor von "Intentional Integrity", ist derzeit Chief Ethics Officer bei Airbnb. Seine Karriere begann er im US-Justizministerium. Danach wechselte er zu eBay, wo er für die Überwachung aller Seitenregeln und -richtlinien der globalen eBay-Gemeinschaft mit über 150 Millionen Nutzern verantwortlich war. 2016 kam er zu Airbnb und hat maßgeblich daran mitgewirkt, Ethik im ganzen Unternehmen zu verankern.
Danke, dass du eingeschaltet hast. Ich bin Tim Reitsma, Gastgeber von People Managing People. Willkommen zum Podcast. Wir sind People Managing People, aber wir wollen besser führen und managen. Wir sind Eigentümer:innen, Gründer:innen, Unternehmer:innen, Führungskräfte, Teamleiter:innen – wir managen Menschen.
Und ja, wir machen auch Personalthemen, aber wir sind kein HR im traditionellen Sinne. Wir haben die Mission, Menschen dabei zu helfen, ihre Teams und Organisationen effektiver zu führen.
Wenn du also besser führen und managen möchtest, wenn du eine bessere Führungskraft und ein:e effektivere:r People Manager:in werden willst, dann begleite uns. Unsere Zuhörer:innen hören den Podcast, um die Tipps, Tricks und Tools zu finden, die sie brauchen, um ihre Mitarbeitenden und Organisationen effektiver zu rekrutieren, binden, führen und entwickeln. Und während sie zuhören, abonniere bitte den Newsletter von People Managing People, damit du auf dem Laufenden bleibst.
Willkommen im Podcast, Rob. Es ist eine große Freude, dich heute als Gast zu haben. Für unsere Zuhörer:innen: Rob Chesnut ist der Chief Ethics Officer von Airbnb. Vielen Dank, dass du heute dabei bist.
Rob Chesnut
Sehr gerne. Danke für die Einladung. Ich freue mich.
Tim Reitsma
Erzähl uns doch ein paar Minuten lang von deinem Werdegang. Wie bist du schließlich zu Airbnb gekommen?
Rob Chesnut
Nun, es war ein langer Weg. Ich bin in Virginia aufgewachsen, und nachdem ich die Law School abgeschlossen hatte, arbeitete ich mehrere Jahre als Bundesanwalt in Nord-Virginia. Ich habe dort Drogendealer, Bankräuber und sogar Spione angeklagt. Glücklicherweise war da ein kleines Unternehmen in Nord-Virginia, das mir auffiel, als ich Staatsanwalt war: AOL. AOL hat mich mehrfach interessiert, also habe ich meine Telefonleitung ans Modem gesteckt und deren Service ausprobiert – so bin ich zum Internet-Frühadopter geworden.
Im Internet bin ich dann ganz zufällig auf eBay gestoßen und war begeistert von dem, was eBay machte. Eines Tages habe ich ihnen eine E-Mail geschrieben und vorgeschlagen, dass sie jemanden brauchen könnten, der sich um Betrugs- und Regulierungsfragen kümmert. Sie haben mir am nächsten Tag geantwortet, und einen Monat später habe ich schon in Kalifornien für eBay gearbeitet. Ich war einer der frühen Angestellten, Nummer 170, und verbrachte 10 Jahre im Unternehmen.
Ich denke, meine Erfahrungen bei eBay fanden schließlich auch bei Airbnb großes Interesse. Zwischendurch war ich noch General Counsel bei Chegg. Doch dann rief Airbnb an und brauchte eine neue General Counsel. Also wurde ich vor ein wenig mehr als vier Jahren General Counsel bei Airbnb. Während dieser Tätigkeit wurde mein Interesse an Integrität und Ethik als Markenbaustein und Schutz gegen viele Probleme anderer Firmen immer stärker. Und jetzt bin ich hier.
Tim Reitsma
Danke für diesen Einblick in deinen Werdegang – von Bundesanwalt in eine Tech-Firma wie eBay zu wechseln, ist spannend. Wie war dieser Übergang für dich, vom Staat in die Privatwirtschaft?
Rob Chesnut
Die Arbeit als Staatsanwalt war zwar spannend, aber auch ziemlich negativ. Es war belastend, so viele junge Leute jahrelang einzusperren. Ich wollte etwas Positives tun, Verbindungen zwischen Menschen fördern, kleine Unternehmen unterstützen. Deswegen war ich zu diesem Wechsel in meinem Leben sehr motiviert. Es ist natürlich ein fundamentaler Unterschied, ob man Bundesanwalt ist oder zu den ersten in einer Tech-Firma gehört.
Aber ich glaube inzwischen, dass Unternehmen eine mächtige Rolle darin haben, die Welt zu verändern und viele der größten Probleme der Gesellschaft zu lösen – wenn sie Verantwortung übernehmen. In der Politik gibt es viele Hindernisse und Bürokratie, doch in Unternehmen kann man Dinge bewegen. Ich habe es nie bereut.
Tim Reitsma
Vielen Dank. Gerade auch diese Erkenntnis vom Negativen zum Positiven zu kommen und einen Unterschied zu machen, ist spannend. Und darauf gehst du auch im Buch ein.
Du beschreibst darin viel aus deiner Zeit bei eBay – was dich letztlich zu Airbnb gebracht hat. Dein neues Buch, das im Juli erscheint, heißt "Intentional Integrity: How Smart Companies Can Lead an Ethical Revolution". Was hat dich denn dazu inspiriert, ein Buch zu schreiben?
Rob Chesnut
Ich hatte nie den großen Wunsch, Autor zu werden. Aber was gerade in der Welt passiert, hat mich dazu bewegt. Es ist zu beobachten, wie Unternehmen sich ausschließlich auf Profit konzentrieren, Führungskräfte ihre Position zu eigenem Vorteil ausnutzen. #MeToo und andere Entwicklungen zeigen, dass Unternehmen eine Kraft für das Gute sein können, wenn sie Integrität wirklich in ihre Kultur integrieren. Dann können sie Großes erreichen.
Das 20. Jahrhundert war geprägt von der Idee, dass Unternehmen ausschließlich ihren Aktionär:innen verpflichtet seien – koste es, was es wolle, für die nächste Quartalszahl. Natürlich muss man die Zahlen im Auge behalten, ohne Geld kann kein Unternehmen bestehen. Aber immer mehr fragen sich, warum es immer nur ums Geld gehen sollte.
Unternehmen sollten weitere Anspruchsgruppen im Blick haben – nicht nur Investor:innen, sondern auch Mitarbeitende, Kund:innen und die Gesellschaft, die Communities, in denen sie tätig sind. Wenn man sein Geschäft so betreibt, werden die Entscheidungen viel ethischer. Diese Entwicklung zu fördern, halte ich für sehr wichtig.
Tim Reitsma
Absolut. Das erinnert mich an eine Geschichte: Ich habe für ein großes börsennotiertes Unternehmen gearbeitet, dort ging es immer nur um "Shareholder Value". In jedem Meeting, in jeder Botschaft – immer nur Shareholder Value. Eines Tages fragte ein Kollege in einem offenen Forum: "Ist es nicht mehr als nur Shareholder Value?" Das Unternehmen änderte daraufhin tatsächlich seine Kommunikation, weil es mehr ist als nur Profitmaximierung. Du hast es angesprochen: Wenn Unternehmen das Vokabular auf "Stakeholder" verändern, führt das zu ethischerem Handeln. Was genau meinst du damit?
Rob Chesnut
Viel schlechtes Verhalten in Unternehmen der letzten Jahrzehnte ist getrieben durch das Ziel der persönlichen Bereicherung von Führungskräften – denn sie werden nach dem Aktienkurs bezahlt, und zwar nach dem kurzfristigen. Das motiviert Verhalten, das oft unethisch ist – Zahlen werden geschönt, es wird kurzfristig agiert, Umweltverschmutzung wird ignoriert. Oder es wird auf den günstigsten Preis gesetzt, auch wenn Kinderarbeit dahintersteckt. Ein Beispiel ist Volkswagen: Sie haben Abgasmessungen manipuliert, um vorzutäuschen, dass die Autos sauber seien. Das Führungsteam wollte Ergebnisse sehen – egal wie. Das führt dazu, dass Menschen Wege suchen, das Ziel irgendwie zu erreichen – legal oder illegal.
Wenn man nur eine Zahl erreichen muss, motiviert das zu kurzfristigem, profitgetriebenem Verhalten. Das ist die Denkweise, die wir hinterfragen sollten. Warum nicht mehrere Stakeholder berücksichtigen? Mitarbeitende, Kund:innen, Gemeinschaften sind ebenso wichtig wie Investor:innen. Clevere Unternehmen orientieren sich zunehmend an diesen breiteren Zielen.
Tim Reitsma
Ganz genau. Das passt zu dem, was du im Buch über die "6 Cs", die Integrität fördern, schreibst. Es beginnt mit "Chief" – an der Spitze. Die bekannte Definition von Integrität ist "Das Richtige tun, auch wenn niemand zusieht". Aber was verstehst du unter absichtlicher Integrität?
Rob Chesnut
Diese alte Definition – das Richtige tun, wenn niemand hinsieht – war früher stimmig. Das Problem ist, heute schaut die ganze Welt zu.
Tim Reitsma Jede:r schaut zu. Nichts bleibt mehr geheim.
Rob Chesnut
Genau. Früher konnte schlechtes Verhalten unter den Teppich gekehrt werden. Heute können Mitarbeitende und Kund:innen sofort mit der ganzen Welt teilen, was passiert. Nichts bleibt mehr verborgen.
Tim Reitsma
Man sieht es aktuell – Mitarbeitende verlassen große Unternehmen wegen angeblich unethischem Verhalten und posten es öffentlich auf LinkedIn, Twitter, Instagram, und anderen Plattformen.
Rob Chesnut
Das ist die ethische Revolution, von der ich spreche. Mitarbeitende und Kund:innen sind heute stärker denn je. Sie erwarten, dass Unternehmen ihre Werte teilen – andernfalls gehen sie woanders hin. Das zeigen alle Daten. Das Gleiche gilt für Mitarbeitende: Selbstverwirklichung und Mission sind ihnen genauso wichtig wie Geld. Wer im Unternehmen Werteverletzungen sieht, kann sich vernetzen, posten, streiken, kündigen. Das ist neu und fordert eine höhere Führungskunst.
Früher ging es nur um Börsenkurse. Heute muss man auch ethisch führen, in einer komplexen Welt. Interessanterweise zeigen Studien: Unternehmen, die mit Integrität arbeiten, sind erfolgreicher! Wer also ein Stakeholder-Konzept verfolgt und das Richtige tun will, erreicht auch bessere Geschäftsergebnisse: Kund:innen und Mitarbeitende sind loyaler, Prüfausgaben sinken, Behörden vertrauen eher, das Finanzbild verbessert sich. Mit ethischem Verhalten gewinnt am Ende auch der Aktionär.
Tim Reitsma
Das sehe ich genauso! Ich kaufe heute nicht mehr einfach so ein. Ich frage mich: Was steht hinter diesen Unternehmen? Wie reagieren sie auf gesellschaftliche Entwicklungen? Konsument:innen recherchieren – nicht nur im Netz, sondern auch in den sozialen Medien. Führt all das zu größerem Profit? Ja. Aber wichtiger ist, was das Unternehmen antreibt. Im Buch sprichst du von einem frühen Fall bei Airbnb: Ein:e Mieter:in hat ein Zuhause total verwüstet, Schmuck gestohlen usw. Airbnb hätte sagen können: nicht unser Problem.
Rob Chesnut
Stattdessen haben wir anders reagiert, das Versicherungssystem angepasst und die Kosten übernommen. Das hat unseren Gastgeber:innen signalisiert: Wir stehen hinter euch, wenn etwas passiert. Hat es kurzfristig mehr gekostet? Ja. Aber dieses Zeichen hat Vertrauen geschaffen und das Geschäft letztlich beflügelt.
Tim Reitsma
Im Buch zieht sich das Thema Vertrauen wie ein roter Faden durch die 6 Cs sowie durch die Risiken, die Organisationen im Ethikbereich eingehen. Wie baut man eigentlich Vertrauen zu Stakeholdern auf?
Rob Chesnut
Vertrauen ist der Motor unserer Wirtschaft. Wenn Vertrauen gering ist, wird alles schwieriger. Daten zeigen leider: Das Vertrauen ist auf einem Tiefpunkt. Der Edelman Trust Barometer misst das seit Jahrzehnten, und 2020 zeigte, dass niemand mehr irgendwem traut – weder Regierung, Wirtschaft, NGOs, Religion noch Medien.
Wie baut man Vertrauen auf? Die Daten sagen: Durch Kompetenz und Integrität. Kompetenz schafft Vertrauen, aber ethisches Handeln ist noch drei Mal wirksamer für Vertrauen als reine Fachkompetenz! Wer aufrichtig handelt, baut Vertrauen auf – das ist die Basis für alles Weitere.
Tim Reitsma
Sehr aktuell. Sicher: Kompetenz ist wichtig, aber Ethik rückt in den Vordergrund. Wie werden Unternehmen heute ethisch geführt? Wie leben Organisationen ihre Werte?
Rob Chesnut
Jedes Unternehmen braucht einen Zweck. Profit ist kein Zweck, sondern das Resultat eines verantwortungsvollen Wirtschaftens. Schon das kleinste Unternehmen sollte sich fragen: Warum gibt es uns? Was sind unsere Werte? Sie bestimmen zentrale Entscheidungen und die Art der Mitarbeitenden, die man einstellt. Je früher das im Unternehmen verankert ist, desto besser. Bei einem Großunternehmen ist es schwer, im Nachhinein einen Nordstern zu etablieren. Anfangs braucht man kein ausgeklügeltes Compliance-System oder langes Regelwerk – aber einen klaren Zweck.
Tim Reitsma
Ich habe als Berater viele Mittelständler zur Bestimmung ihres Zwecks begleitet. Oft wurde ich geholt, weil es hohe Fluktuation oder schlechte Werte bei der Mitarbeitenden- bzw. Kundenzufriedenheit gab. Da muss man am Nordstern ansetzen. Warum existieren wir? Dann Werte festlegen und leben. Aber wie geht es weiter, wenn ich mein "Warum" und Werte definiert habe? Brauche ich einen Ethikkodex – reicht es, einen aus dem Internet zu kopieren?
Rob Chesnut
Früher wurde oft einfach ein Ethikkodex von der Kanzlei oder aus dem Internet übernommen, Name und Logo drauf, per Mail rumgeschickt und nie wieder besprochen – bis nach Jahren wieder eine neue Version kommt. Oder es wird ein Compliance-Poster im Aufenthaltsraum aufgehängt, das niemand liest, oder ein Standard-Video gegen sexuelle Belästigung verschickt. Das alles sendet die Botschaft: "So wichtig ist Integrität eigentlich nicht." Wir haben das bei Airbnb bewusst anders gemacht: Es beginnt an der Spitze. Wenn CEO und Führungsteam Integrität nicht leben, bringt alles andere nichts. Alle schauen auf die Führung. Handelt sie nicht integer, ist jedem klar, dass es eigentlich nicht zählt.
So haben wir z.B. beim Verfassen des Ethikkodex sehr konkret diskutiert: Kein Mitglied der Geschäftsleitung darf eine romantische Beziehung mit Mitarbeitenden oder Lieferant:innen eingehen – auch wenn beide einverstanden sind. Wir haben uns das gegenseitig versprochen. Dadurch ist die Wahrscheinlichkeit für Verstöße viel geringer, und wenn doch, ist die Konsequenz klar geregelt. Lektion: Hol dir das top-down Commitment – und sei explizit. Unklarheit und Schweigen sind der Feind der Integrität.
Menschen neigen dazu, Regeln im eigenen Interesse zu interpretieren, wenn sie zu vage sind. Dann reden sie sich irgendwann sogar unethisches Verhalten schön. Deshalb: Je kleiner und kreativer eine Organisation, desto mehr Risiko, in unklare, unethische Grauzonen zu geraten.
Tim Reitsma
Das Stichwort Ambiguität: Wenn es nicht klar ist und nicht von oben kommt, reden sich Führungskräfte schnell raus – und ihre Integrität steht dann infrage. Gab es das bei Airbnb?
Rob Chesnut
Man muss Integrität immer top-down ansprechen. Ein weiteres Beispiel: Jedes neue Teammitglied bekommt die gleiche Einführungsveranstaltung in San Francisco. Ich schlug dem Team vor: "Wir brauchen eine Ethik-Session von einer Stunde." Die dachten: "Als General Counsel willst du das wöchentlich machen?" Ich sagte: "Ich nehme mir die Zeit, weil es wichtig ist, dass das direkt von einer Führungskraft kommt." Das Feedback war eindeutig: Die Ethics-Session war stets das bestbewertete Onboarding-Modul. Es bedeutet viel, das von oben zu hören.
Diese Idee habe ich von Meg Whitman, ehemalige eBay-CEO: Sie redete immer persönlich mit jedem Neueinsteiger. Sie meinte: Es gibt keinen stärkeren Hebel, um die Kultur zu prägen. Ein aufgezeichnetes Video wirkt nicht so verbindlich wie das Live-Gespräch.
Tim Reitsma
Ich kenne diese Standard-Ethikvideos – danach wird nur noch diskutiert, wie schnell man den Test durchklicken kann. Hängen bleibt nichts.
Rob Chesnut
Ich habe mit meiner 19-jährigen Tochter darüber gesprochen. Sie erzählte, wie sie und ihre Freundinnen bei einem Ferienjob das Video zur sexuellen Belästigung komplett ignoriert haben. Einprägsam fand sie dagegen "Cup of tea", ein witziges, animiertes Drei-Minuten-Video zu Einverständnisfragen. Sie konnte es ausführlich wiedergeben. Mein Sohn, ebenfalls dabei, meinte: "Ich schaue generell keine Videos, die länger als fünf Minuten sind." Das brachte mich zum Nachdenken: Warum versuchen wir Wissen durch Methoden zu vermitteln, die niemand anspricht? Also haben wir bei Airbnb angefangen, jeden Monat ein lustiges Drei-Minuten-Video zu verschiedenen Ethikthemen zu drehen – freiwillig, ohne Zwang. Das Echo war enorm: Die Leute liebten es, wollten sogar mitspielen! Pro Monat schauten 1.500 bis 2.500 Mitarbeitende die Videos freiwillig. Das war viel wirkungsvoller als die alten Zwei-Stunden-Trainings.
Tim Reitsma
Der menschliche Bezug macht's – es kommt aus dem Unternehmen, ist echt, eingängig und bleibt hängen. Und wie ist es: Sind Unternehmen in Sachen Ethik eher reaktiv oder proaktiv? Es gibt Firmen, die nach Skandalen plötzlich Programme aufsetzen, statt präventiv zu handeln.
Rob Chesnut
Mir war als General Counsel lieber, proaktiv zu investieren – bei Onboarding reden, Videos machen, Probleme präventiv vermeiden. Denn mit Ethikthemen wird man sich ohnehin beschäftigen – lieber vorher als nachher, wenn schon ein Schaden da ist. Prävention stärkt Marke und Vertrauen. Wenn dann doch mal etwas passiert, hat man einen starken positiven Rahmen. Ich habe erlebt, dass es Mitarbeitende sehr berührt, in einer Firma zu arbeiten, der Ethik wirklich wichtig ist. Nach einem Training kam eine Frau mit Tränen in den Augen und erzählte, wie glücklich sie ist, in einem Unternehmen zu sein, dem das am Herzen liegt, nachdem sie bei ihrem früheren Arbeitgeber schlechte Erfahrungen gemacht hatte. Führungskräfte, die sich klar positionieren, erreichen die Menschen.
Tim Reitsma
Vielen Dank. Das ist sehr eindrücklich. Es geht eben nicht nur um Worte an der Wand. Viel zu oft gibt es Werte wie "Integrität", aber Fälle, die das Gegenteil zeigen. Vertrauen wird dann zerstört.
Rob Chesnut
Genau – ein Poster, ein schöner See, das Wort "Integrity" drunter... Lustig: Im Ethikkodex von WeWork 2017 stand schon im ersten Satz "Integrität". Aber wie wir heute wissen, wurde so nicht gehandelt – der Kodex kam wohl von einer Kanzlei, nicht aus der Kultur. Das hat wesentlich zum Niedergang des Unternehmens beigetragen.
Tim Reitsma
Nur weil es niedergeschrieben ist, heißt es nicht, dass danach gehandelt wird. Heute können Mitarbeitende und Kund:innen leicht herausfinden, wie Unternehmen tatsächlich handeln. Also – wie sollte ein Startup mit dem Thema umgehen? Wo fängt man an? Was braucht es für einen Kodex?
Rob Chesnut
Wenn ihr noch ganz klein seid, braucht ihr vielleicht keinen förmlichen Kodex. Aber schon dann solltet ihr euch als Gründer:innen überlegen: Warum gibt es uns? Und dann mit allen Mitarbeitenden offen diskutieren: Was ist unser Zweck? Wie wollen wir miteinander arbeiten? Vielleicht ein Plakat mit den Werten an die Wand hängen, regelmäßig im Team darüber sprechen. Je größer ihr werdet, desto wichtiger wird dann eine eigene Ethikrichtlinie. Holt euch dazu verschiedene Mitarbeitende aus unterschiedlichen Bereichen ins Boot und formuliert eigene, für die Firma passende Regeln. Wichtig ist, dass sie zum Sinn und zu den Werten passen und dass die Belegschaft sie als "ihre" Regeln begreift.
Tim Reitsma
Danke, die Frage habe ich mir auch aus Eigennutz gestellt! Ich komme neu in ein kleines Team mit einigen Herausforderungen – darum interessiert mich das sehr. Zusammengefasst die 6 C's aus deinem Buch: Chief – es beginnt an der Spitze; Customized code – kein Standard-Template, Kommunikation, klare Meldewege, Konsequenzen, und Kontinuität. Ein superklarer Fahrplan, wie man Integrität im Unternehmen verankert.
Rob Chesnut
Hab den Mut, konkret zu werden. Ein Beispiel: Bei Airbnb sind Liebesbeziehungen für die Geschäftsleitung tabu. Für Führungskräfte im mittleren Management: Keine Beziehungen im eigenen Team, und wenn überhaupt, darf man nur einmal anfragen, sonst ist Schluss. Das vermitteln wir beim Onboarding und das Jahr über immer wieder. Auch bei Alkohol sind wir klar: Keine Exzesse, mein persönlicher Grundsatz ist: Maximal zwei Drinks im beruflichen Kontext. Darüber spreche ich offen. Alle sollen vorab über ihr Verhalten nachdenken, nicht erst im Ernstfall. Je konkreter und klarer man ist, umso weniger Zweideutigkeit gibt es – das ist wichtig für Integrität.
Tim Reitsma
Es geht also darum, klar zu sein – nicht schweigen, sondern Grenzen und Erwartungen offen benennen. Viele Unternehmen haben Angst davor und geraten dadurch in Schwierigkeiten. Wenn man proaktiv ist, kommt es erst gar nicht so weit. Du beschreibst in Kapitel 9, wie man die Unternehmenskultur auf Warnsignale überwacht. Was sind solche Signale und wie kann man das praktisch machen?
Rob Chesnut
Man kann sich nicht auf einen Kontaktpunkt verlassen. Hier ein halbes Dutzend Möglichkeiten: Mitarbeitendenbefragungen, z.B. ob sie finden, dass Airbnb eine ethische Kultur hat oder dass die Vorgesetzten integer handeln. Ergebnisse beobachten und Veränderungen auswerten. Zweitens – es gibt bei uns wie in den meisten Unternehmen eine Whistleblower-Hotline. Aber keine Meldungen sind nicht unbedingt ein gutes Zeichen – oft bedeutet es mangelndes Vertrauen ins System. Wir haben zusätzlich Ethics Advisors, also Freiwillige aus verschiedenen Abteilungen, denen man sich anonym anvertrauen kann. Wir analysieren, wie viele und welche Fragen sie pro Quartal bekommen – das gibt Aufschluss über Themen, die beschäftigen. Im ersten Quartal 2020 hatten wir fast 100 Anfragen, die ansonsten nie gestellt worden wären. Es gibt auch Apps und Seiten wie Glassdoor oder Blind, wo sich Beschäftigte anonym austauschen können. Wichtig: Keine einzelne Maßnahme genügt, aber mit mehreren ergibt sich ein gutes Gesamtbild.
Tim Reitsma
Sehr wertvoll, so ein Feedback ins Unternehmen hineinzuholen! Das hilft doch enorm bei der Entscheidung, wo man Trainings oder Gespräche ansetzt. Hast du noch einen abschließenden Rat – für Gründer:innen oder Führungskräfte jeder Unternehmensgröße: Wie verankere ich eine Integritätskultur?
Rob Chesnut
Mein Appell an Führungskräfte: Es liegt an euch! Viele scheuen sich davor – Integrität ist Privatsache, denken sie. Aber Mitarbeitende schauen auf euch und erwarten Orientierung. Ethik und Integrität wurden zu oft an HR und Legal ausgelagert und durch Checklisten und Handbücher entmenschlicht. Aber Ethik und Integrität müssen direkt von den Führungskräften, menschlich und authentisch adressiert werden. Wer das nicht tut, verschenkt eine Superkraft, die Kundschaft und Team motiviert und Vertrauen schafft – und so auch das Unternehmen voranbringt.
Tim Reitsma
Danke für dieses Schlusswort, Rob. Es war eine Freude, dir zuzuhören. Dein Buch erscheint im Juli, und ich empfehle allen, es zu lesen: "Intentional Integrity: How Smart Companies Can Lead an Ethical Revolution." Es liefert eine praktische und inspirierende Handlungsempfehlung für alle, die sich mit Ethik und Integrität oder dem Geschäftsleben im Allgemeinen beschäftigen. Nochmals vielen Dank, Rob!
Rob Chesnut
Vielen Dank für die Einladung. Es war mir eine Freude.
Tim Reitsma
Willst du Teil einer Community von People-Managing-People werden – egal ob als Inhaber:in, Gründer:in, Führungskraft oder Teamleiter:in? Dann ist dies der Ort, an dem du teilen, lernen und wachsen kannst. Geh auf peoplemanagingpeople.com/community und registriere dich auf der Warteliste.
