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Timothy Reitsma Mein heutiger Gast, Enrique Rubio, startete nicht direkt im Bereich Human Resources. Sein erster Schwerpunkt lag auf dem Ingenieurwesen. Heute verbringt er seine Tage als Gründer einer globalen Bewegung namens Hacking HR mit weltweiten Kapiteln und einer riesigen Online-Community. Ich freue mich sehr, dass alle die Geschichte hinter Hacking HR hören können und wie diese Community HR in jeder Hinsicht und in jeder Stadt der Welt unterstützt.
Danke, dass Sie eingeschaltet haben. Ich bin Timothy Reitsma, der Gastgeber von People Managing People. Willkommen beim Podcast, bei dem Menschen Ihr wichtigstes Gut sind. Wir möchten besser führen und managen. Wir sind Inhaber, Gründer, Unternehmer. Wir sind mittlere Führungskräfte. Wir sind Teamleiter. Wir führen Menschen. Und ja, wir machen Human Resources, aber wir sind nicht HR-Mitarbeiter – zumindest nicht im traditionellen Sinne. Wir verfolgen die Mission, Menschen dabei zu helfen, ihre Teams und Organisationen effektiver zu führen und zu steuern. Wenn Sie also besser leiten und führen möchten – wenn Sie eine bessere Führungskraft werden wollen und Menschen wirksam entwickeln möchten, dann sind Sie hier richtig. Hören Sie weiter, um Tipps, Tricks und Werkzeuge zu finden, wie Sie Ihre Mitarbeitenden und Organisation effektiver rekrutieren, binden, führen und entwickeln. Und während Sie zuhören, abonnieren Sie gerne unseren Newsletter auf peoplemanagingpeople.com, um immer auf dem Laufenden zu bleiben. Danke, dass Du dabei bist, Enrique.
Enrique Rubio Vielen Dank für die Einladung und für diese Gelegenheit, über HR und Hacking HR sowie über einige der Projekte zu sprechen, an denen wir weltweit arbeiten.
Timothy Reitsma Bevor wir einsteigen – ich habe zu Hacking HR und Deinem Weg recherchiert. Aber vielleicht fangen wir damit an, was Hacking HR eigentlich ist?
Enrique Rubio Gerne. Hacking HR ist eine globale Lern-Community, die HR-Führungskräfte und Praktiker zusammenbringt, um gemeinsam zu lernen, sich auszutauschen, zu kollaborieren und alles zu besprechen, was an der Schnittstelle von Arbeit, Technologie, Organisationen, Menschen und Innovation stattfindet – und natürlich, wie all das die Welt und die Arbeit im HR beeinflusst. Und auch wenn wir „Hacking HR“ heißen, ist es so, dass wir nicht nur Menschen im HR-Bereich zusammenbringen, sondern auch solche, die auf die Arbeit von HR Einfluss nehmen – aber nicht unbedingt in der HR-Funktion tätig sind, wie zum Beispiel Technologen, Berater, Führungskräfte aus anderen Unternehmensbereichen usw. Wir sind eine sehr offene Community, hauptsächlich HR-Profis, aber eben bewusst offen angelegt, um Menschen für diese Themen zusammenzubringen.
Timothy Reitsma Ja, eine Frage, die ich hatte: Mein Background ist nicht klassisch HR, sondern ich habe Menschen geführt, eingestellt und gecoacht in meiner Karriere. Würde ich in diese Community passen, oder ist sie nur für HR-Profis?
Enrique Rubio Die Community ist für jeden offen. Wenn wir einen neuen Chapter starten, ist mein erster Punkt immer: Das Chapter ist eine offene Community. Jeder ist willkommen, es spielt keine Rolle, ob jemand im HR arbeitet oder nicht – im Gegenteil, je diverser der Hintergrund, desto besser! Denn gerade das ist unser Ziel: neue Ideen zu fördern durch verschiedenste Perspektiven. Egal ob aus Technologie, Vertrieb, Marketing, Beratung, Strategie oder Innovation – Hauptsache, Sie bringen neue Impulse ein, die für den Dialog wertvoll sind. All das brauchen wir, um HR weiterzuentwickeln. Kurzum: Jeder kann Teil dieser Community werden, ganz gleich, aus welchem Bereich.
Timothy Reitsma Das gefällt mir – vor allem, was Du über die „Bestäubung von Ideen“ sagst. Ob jemand nun aus dem Ingenieurwesen, aus Vertrieb oder Produktion kommt, spielt keine Rolle, man kann beitreten und gemeinsam Ideen weiterentwickeln. Es gibt weltweit Chapters und über 80.000 Follower auf LinkedIn. Was kann man von einem Community-Event oder -Chapter mitnehmen?
Enrique Rubio Ein paar Dinge. Erstens: Zusammenkommen mit anderen Menschen, die an den gleichen Themen interessiert sind – Lernen, Austausch, Kollaboration. Eine der wichtigsten Erkenntnisse ist die Verbindung mit anderen Menschen. Wenn mich jemand nach meiner Rolle fragt: Ich bin Gründer, aber vor allem bin ich Brückenbauer. Ich baue Brücken, damit Menschen diese überqueren und sich miteinander vernetzen können. Zum Beispiel veranstalten wir Events in London, Singapur, Mumbai, Glasgow, Südafrika, Buenos Aires. Ich hoffe, dass jemand aus den USA, wenn er sieht, dass es ein Hacking HR-Event in Buenos Aires gibt, diese Brücke nutzt, um sich international auszutauschen und zu lernen. Das ist aus meiner Sicht der größte Mehrwert: Man baut beim Mitmachen neue Verbindungen auf. Zweitens: Wissen und Informationen – wir decken zahlreiche Themen ab, sei es Unternehmenskultur, künstliche Intelligenz oder digitale Transformation. Die Kapitel und Events bieten immer spannende Inhalte. Das sind die beiden Hauptpunkte: Teil einer Community-basierten Organisation werden und interessante, neue Impulse und Wissen mitnehmen. Die Inhalte variieren je nach Event oder Chapter.
Timothy Reitsma Daran habe ich noch gar nicht gedacht – zum Beispiel, wenn man ein Team in einem anderen Land übernimmt oder aufbaut, muss man verstehen, wie dort gearbeitet wird. In meiner Karriere habe ich in Japan ein Team geleitet – da hätte ich die Community gebrauchen können! Menschenführung ist in Nordamerika ganz anders als in Japan.
Enrique Rubio Arbeit unterscheidet sich regional stark, auch wenn es Gemeinsamkeiten gibt. HR- und Arbeitsplatzherausforderungen sind überall verschieden: anderes Kulturverständnis, andere Problemlösungen, Zusammenarbeit, Innovationsförderung, Umgang mit Vielfalt und Inklusion usw. In einer globalisierten Welt wird das immer relevanter. Über Plattformen wie LinkedIn kann man sich heute schnell vernetzen. Aber mit einer Community wie Hacking HR schafft man eine tiefergehende Verbindung und hat eine bessere „Ausrede“, um über konkrete Themen ins Gespräch zu kommen.
Timothy Reitsma Absolut besser als ein zufälliger Kaltkontakt über LinkedIn. Ich möchte noch einen Schritt zurückgehen und eine vielleicht überraschende Frage stellen: Was bedeutet für Dich Human Resources?
Enrique Rubio Gute Frage! Für mich ist HR die Funktion, die alles rund um Menschen im Unternehmen verantwortet – mit Fokus auf die Mitarbeitenden im Inneren der Organisation (nicht primär extern). HR steuert alle Prozesse rund um das Führen von Menschen und deren Interaktionen im Unternehmen. Das schließt klassische Tätigkeiten wie Anstellung, Kündigung, Rekrutierung, Talentgewinnung sowie Einhaltung von Compliance ein. Aber es umfasst auch immer mehr Bereiche, die traditionell nicht zum Kern von HR zählten: Design Thinking, Agilität, Coaching, Führungskräfteentwicklung, digitale Transformation, Innovation usw. Überall dort, wo Menschen arbeiten und Impulse geben, muss HR beteiligt sein. Die Basis ist dabei das „H“ in HR: der Mensch. Leider entstand das Konzept HR vor etwa 120 Jahren mit der industriellen Revolution, um standardisierte Prozesse zu managen. HR kümmerte sich um das Einstellen, Entlassen, Bezahlen, Kontrollieren von Mitarbeitenden nach festgelegten Abläufen. Diese Sichtweise hat sich zwar radikal weiterentwickelt, aber oft bleibt HR eine transaktionale und administrative Funktion, die statt wirklicher Potenzialentfaltung vor allem verwaltet – statt Menschlichkeit, Empathie, Mitgefühl und Verständnis in den Mittelpunkt zu stellen. Für mich muss HR alle Menschen-Themen übernehmen – aber auf Basis von Empathie und Humanität. Das haben wir bisher noch nicht komplett erreicht.
Timothy Reitsma Das ist spannend – ich stimme Dir zu. Oft war HR vor allem transaktional. Was hält uns Deiner Meinung nach heute noch zurück, diese Entwicklung weiterzugehen?
Enrique Rubio Unser Mindset! Die Antwort ist ganz einfach. So wie Menschen wissen, wie sie fitter werden, es aber nicht tun, weil ihre Denkweise im Weg steht, so ist es im HR: Wir haben Wissen, Tools, Netzwerk, Infrastruktur, aber wir verharren aus Bequemlichkeit und Angst vor Veränderungen lieber im Status quo. Viele halten an alten Methoden fest, weil Ungewissheit und Wandel Unbehagen auslösen. HR ist nicht als risikofreudige oder besonders innovative Funktion bekannt – das hemmt uns.
Timothy Reitsma Das kenne ich auch. Ich war in traditionellen und progressiven Organisationen. Wo HR transaktional gesehen wurde („Kläre mein Gehalt, schau im Formular nach der Tech-Pauschale, ...“) – aber es ist so viel mehr. Mit 80.000 Mitgliedern alleine auf LinkedIn ist der Wunsch groß, HR weiterzuentwickeln und neu zu denken. Wo siehst Du die Zukunft von HR?
Enrique Rubio Eine tolle Frage! Ich spreche von einer neuen „Value Proposition“ für HR, an der ich schon seit drei Jahren arbeite. Sie besteht aus vier Elementen. Erstens: Menschen. Weg von einem prozessorientierten Denken, hin zu menschenzentriertem Denken. Beispiel: Wie werden Kandidaten behandelt? Oft werden Prozesse verfolgt, ohne den Menschen zu sehen, etwa wenn Bewerbende ohne Rückmeldung „aussortiert“ werden. Stattdessen sollten wir Erwartungen und Beziehungen berücksichtigen. Das gilt nicht nur im Recruiting, sondern auch z.B. beim Performance Management. Performance-Beurteilungen mit jährlichen Ratings funktionieren nicht – das belegen Studien. Menschen wünschen sich häufigeres Feedback und echte Entwicklungschancen, nicht nur Boni nach Budgetrestriktion. Kernpunkt: Menschenzentrierung. Zweitens: Ausrichtung am Business – viele HRler kennen Strategie und Ziele ihres Unternehmens nicht. Doch wie kann man ohne das die Organisation wirklich unterstützen? Drittens: Mehr Innovation und Agilität. Vieles ist veraltet – wie beim Thema Fitness muss man erst eingestehen, nicht optimal aufgestellt zu sein, um Veränderung überhaupt anzustoßen. Dann kann man Prozesse tatsächlich verbessern und geschmeidiger gestalten. Viertens: Technologie – aber bewusst zuletzt! Viele Unternehmen beginnen mit Tech, bevor die Prozesse klar sind. Technologie hilft nur, wenn alles andere vorbereitet ist. Die Zukunft von HR ist also: (1) Menschen zentral stellen, (2) auf das Business ausrichten, (3) agiler und innovativer werden und (4) Technologie gezielt zur Wirkung bringen.
Timothy Reitsma Danke für diese Ausführung. Über diese vier Aspekte könnten wir eine ganze Podcast-Serie machen! Recruiting: Menschen als solche sehen! Die Business-Ausrichtung: HR muss wissen, was im Unternehmen passiert, sonst entstehen Engpässe. Innovation & Agilität: HR gehört an den Tisch der strategischen Führung. Und Technologie: Prozesse zuerst verstehen und gestalten, erst dann passende Tools auswählen.
Enrique Rubio Dazu noch ein Gedanke: Es ist wirklich entscheidend, bei Menschen und Prozessen zu beginnen und die Technologie als Hilfsmittel am Ende zu integrieren. Ein Beispiel für die falsche Reihenfolge: Amazon entwickelte letztes Jahr eine KI-gestützte Recruiting-Plattform, die jedoch von einem überwiegend männlichen Team gebaut wurde. Die Folge: Das Tool diskriminierte Frauen, insbesondere Women of Color. Der Fehler lag nicht in der Technologie selbst, sondern im Prozess und in den Menschen dahinter. Darum: Erst die richtigen Wege finden, dann technische Unterstützung suchen!
Timothy Reitsma Spannend, wie beeinflusst eigentlich Dein Background im Ingenieurwesen Deine Sichtweise auf HR?
Enrique Rubio Definitiv erheblich! Ich kann heute zwar keinen Roboter mehr bauen, aber was ich aus dem Ingenieurstudium mitnehme, sind die Prinzipien: Prozessorientierung, Projektmanagement, systematisches Denken, komplexe Probleme in kleinere Teile zerlegen und schrittweise lösen. Im HR besteht oft die Tendenz, ein Problem mit einer großen, übergreifenden Lösung erschlagen zu wollen. In der Technik geht man modular vor: Lösungen werden in Teilprojekte zerlegt und Stück für Stück kombiniert. HR verliert in langen End-to-End-Projekten oft wertvolles Feedback und Zeit. Aus dem Ingenieurwesen übernehme ich diesen pragmatischen, strukturierten Ansatz – gepaart mit Kreativität (ich habe auch meine künstlerische Seite!). Es braucht beides: analytisches und emotionales Denken. Nur dann gelingt erfolgreiche HR-Arbeit.
Timothy Reitsma Danke für die Skizzierung dieses Ansatzes – ich bin auch sehr prozessorientiert und liebe es, Menschen zu führen. Viele HR-Profis und Unternehmensgründer haben einen vollen Aufgabenplan: Man weiß, man müsste Performance-Management, Check-ins oder Coachings einführen – aber es fehlt einfach an Zeit. Gibt es einen praktischen Ansatz, den Mindset-Wechsel zu schaffen?
Enrique Rubio Eine tolle Frage! Viele Fähigkeiten sind „unmittelbar menschlich“: Neugier, Innovation, Liebe, Fürsorge, Toleranz, Verständnis, Vorstellungskraft und Zusammenarbeit. Leider verkümmern diese Eigenschaften häufig durch das Bildungssystem – dort geht es eher um Gehorsam als um Kreativität. Nach der Schule ist man weniger neugierig als früher. Im Berufsleben wird Kreativität oft gebremst: Man wird angeleitet, „wie es hier läuft“, nicht befördert, weil man innovativ ist. Im HR braucht es daher eine Rückbesinnung auf das Menschliche: Neugierig und innovativ sein, Ideen zulassen und Risiken eingehen. Ein Beispiel: HR entwickelt häufig Lösungen im stillen Kämmerlein, statt Mitarbeitende einzubeziehen und um Vorschläge zu bitten. Was wäre, wenn HR nicht als Besserwisser auftritt, sondern als Fragender und Ermöglicher von Lösungen? Das stärkt die Gemeinschaft und führt zu besseren Ergebnissen.
Timothy Reitsma Das gefällt mir sehr!
Enrique Rubio Der Ansatz „Fragen stellen“, statt alles zu wissen, führt zurück zum Kern: Humanität. Die Einladung an alle im HR: Es ist schwer umzusetzen, aber leicht zu sagen – zur Essenz zurückzukehren und Menschen zu erlauben, menschlich zu sein. Fragen zulassen, kreativ sein, Risiken eingehen, experimentieren. Gerade während der Corona-Krise sind alle gefordert, neue Wege zu entwickeln. HR hat jetzt die große Chance, alle einzubinden und gemeinsam zu suchen, wie wir die aktuellen Herausforderungen meistern. Empowerment durch gemeinschaftliches Vorgehen ist dabei der Schlüssel – und ein wichtiger Schritt in Richtung menschenzentrierter HR-Arbeit.
Timothy Reitsma Ich hätte noch viele weitere Fragen! Aber als Fazit für unsere Hörerinnen und Hörer: Es spielt keine Rolle, ob Sie im HR, Vertrieb, als Gründer oder anderswo in der Organisation sind – werden Sie neugierig und stellen Fragen! Lasst uns Plattformen schaffen, auf denen alle mitgestalten und ihre kreativen Ideen einbringen können. Innovation, Technologie, Business-Ausrichtung und Menschlichkeit gehen Hand in Hand. Wir werden Dich sicher wieder als Gast einladen. Falls jemand Interesse an Hacking HR hat, wie kann man Dich erreichen?
Enrique Rubio Am besten per LinkedIn – bei der Suche nach Enrique Rubio erscheine ich ganz oben.
Timothy Reitsma Okay.
Enrique Rubio Oder per E-Mail an Enrique@Hackinghr.io. Ich bin immer so schnell wie möglich erreichbar, freue mich auf den Dialog und auf vernetzten Austausch mit Ihren Zuhörern und Zuhörerinnen.
Timothy Reitsma Ja, unbedingt! Ich war gerade erst wieder mehrfach auf der Website, da ich selbst eine neue HR-Position übernommen habe und eine Community suchte, um mich auszutauschen. Schauen Sie auf hackinghr.io vorbei und suchen Sie Ihr Kapitel. Wenn es noch keines in Ihrer Stadt gibt, melden Sie sich einfach bei Enrique und gründen Sie selbst eines – bestimmt sind auch in Ihrer Region andere Menschen an diesem Thema interessiert!
Herzlichen Dank für Deine Zeit und die vielen spannenden Erkenntnisse. Niemand weiß, wie die Zukunft der Arbeit aussieht – gerade in dieser seltsamen Zeit 2020, in der sich die Dinge laufend ändern.
Enrique Rubio Ja.
Timothy Reitsma Mit diesen Worten beenden wir diese Folge. Besuchen Sie peoplemanagingpeople.com und geben Sie uns gerne Feedback zum Podcast und zur Website. Wenn Sie Themenwünsche haben, lassen Sie es uns wissen. Schönen Tag noch an alle! Bleiben Sie gesund.
